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Eklat um Naumann-Stiftung: Gunnar Kaiser auf Verschwörungstheorien hin überprüft - und „gecancelt“

© Foto : gunnarkaiser.dePresseftoto von Gunnar Kaiser
Presseftoto von Gunnar Kaiser - SNA, 1920, 17.12.2020
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Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung sorgt zum Jahresende für Aufsehen: Auf Hinweis eines Followers überprüft sie den Blogger Gunnar Kaiser auf „rechtspopulistisches und verschwörungstheoretisches Gedankengut“. Im Anschluss distanzierte sie sich von Kaiser, der für die Stiftung noch kürzlich eine Debatte über die Cancel Culture moderierte.
Über die Cancel Culture, wenn etwa Menschen oder Werke aus dem öffentlichen Leben systematisch boykottiert, verbannt und annulliert werden, weil sie als falsch empfundene Positionen vertreten, wurde in diesem Jahr viel diskutiert, wie etwa im Falle der Kabarettisten Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart. Bizarr wird es, wenn die Stiftung mit dem Zusatz „für die Freiheit“ im Namen den Journalisten, Blogger und Buchautor Gunnar Kaiser (SNA-Politikchef Marcel Joppa sprach kürzlich mit ihm - Anm.) erst einlädt, eine Online-Diskussion über „Intoleranz, offene Debattenkultur und Cancel Culture“ unter Teilnahme des FDP-Vizechefs Wolfgang Kubicki sowie der Philosophin Svenja Flaßpöhler zu moderieren - gerade um über die Einengung der Debattenkultur zu diskutieren, diesen dann aber ohne klare Begründung öffentlich aburteilt.
„Wir haben die Person Gunnar Kaiser aus gegebenem Anlass sehr intensiv überprüft“, schreibt die Stiftung auf Twitter, „und müssen zur Kenntnis nehmen, dass Herr Kaiser mit rechtspopulistischem und verschwörungstheoretischem Gedankengut arbeitet.“ Die Stiftung weiter: Es sei „unser Versäumnis“, dass man bei der Auswahl der Moderation einer Empfehlung gefolgt sei und den Hintergrund von Kaiser vorher nicht ausreichend geprüft habe. Die Stiftung bedauere dies und wolle Vorsorge treffen, dass „so etwas nicht mehr passieren kann“.

Ein Nutzer-Hinweis reicht aus

Als „gegebener Anlass“ reichte diesmal ein Tweet des anonymen Nutzers „Snollyghoster“ aus, der eine Woche nach der von Kaiser moderierten Debatte an die Stiftung geschrieben hatte:
„Sagt Ihnen der Name Gunnar Kaiser etwas? <...> Kaiser ist quer abgebogen und nach rechts so weit offen, daß man einen Flugzeugträger darin parken könnte.“
In einem anderen Tweet forderte „Snollyghoster“ die Stiftung zu einer Erklärung für den Auftritt von Gunnar Kaiser in der oben erwähnten Online-Debatte - dies sei keine gute Wahl gewesen, hieß es von dem Nutzer. „Danke für den Hinweis, wir nehmen das ernst und prüfen es!“, meldete sich die Redaktion der Stiftung - und lieferte drei Tage später ihre Erklärung ab. Die Kritik an dieser bleibt der Stiftung allerdings nicht erspart.
„Hat der Praktikant bei der Recherche gepennt?“, attackierte etwa der Nutzer „themadritter“ die Stiftung. Man verharmlose hiermit wahre Rechtspopulisten. „Gunnar und seine Inhalte sind ganz weit davon weg. Verschwörungstheoretiker ist zusätzlich echt lächerlich, er hinterfragt kritisch Maßnahmen und handeln“. „Wo finden sich denn die Fakten zu dieser sehr intensiven Überprüfung?“, fragt seinerseits der Nutzer „EKa.Systemanalysen“ und beklagt eine Diskreditierung, die „einfach zu abgedroschen klingt“.

Wo liegt die Grenze?

SNA hat die Stiftung bereits für Details bzw. Belege schriftlich und telefonisch kontaktiert, diese aber trotz Versprechen nicht geschickt bekommen. Liegt es daran, dass Kaiser einst den als umstritten geltenden Arzt Wolfgang Wodarg zum Coronavirus interviewt hat? Oder an einem zweistündigen Disput des sich selbst als radikalen Anhänger des Liberalismus bzw. libertär positionierenden Kaiser mit dem Anführer der rechtsextremen Identitären Bewegung Martin Sellner, veröffentlicht auf Kaisers Youtube-Kanal mit über 110.000 Abonnenten? Zwar sorgt Kaiser mit vielen unbequemen bis umstrittenen Themen für Aufmerksamkeit und scheut sich nicht davor, neben Seller mit den Außenseitern des Mainstream zu sprechen, wie mit dem Publizisten Henryk M. Broder oder dem Philosophen Richard David Precht. Doch wo liegt die Grenze zwischen der einseitig kritischen Berichterstattung und den echten Verschwörungstheorien? Heutzutage wird etwa der Linkspolitiker Gregor Gysi beinahe zum Verschwörungstheoretiker erklärt, wenn er mehrere Versionen im Fall Nawalny in Frage stellt, solange keine klaren Beweise vorliegen.
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Zu den Beweisen im Fall Gunnar Kaiser erklärte der Pressesprecher der Stiftung Anders Mertzlufft allerdings gegenüber der „Welt“, was die Stiftung so alarmiert haben soll. Kaiser würde behaupten, so Mertzlufft, wir lebten in einem „Pandemieregime“, wobei die Menschen von „Sozialingenieuren gelenkt und gesteuert werden“. Die Demokratie sei laut Kaiser „ausgehöhlt und nicht mehr existent“. Auch dass Kaiser von einem „globalen Krisenkult“ spricht, hinter dem ein „Prozess der Großen Transformation“ stecke, findet die Stiftung ebenfalls nicht in Ordnung. Über den sogenannten „Great Reset“, also den Neustart der Gesellschaftsordnung, sprechen jedoch tatsächlich mehrere Vertreter der Wirtschaftselite und namhafte Politiker wie die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Dann würden die Worte Kaisers über die „Zerstörung des Alten, des Kapitalismus und der Nationalstaaterei und der weitgehenden Autonomie des Subjekts mit Menschenwürde, Freiheit und Privatsphäre“ zum Schaffen des „Paradies einer neuen Normalität mit zentral geplanter Kreislaufwirtschaft“ die Stiftung an die „rechtskonservativen Untergangsfantasien der 20er-Jahre“ erinnern. Mag sein. Aber man müsste dann bedenken, dass auch der Namensgeber der Stiftung, Friedrich Naumann, vom österreichischen Sozialphilosophen Friedrich von Hayek als Wegbereiter des Nationalsozialismus bezeichnet wurde bzw. den „National-sozialen Katechismus“ verfasste. Warum dann nicht gleich den Namen wechseln?
Neues zum Thema: Inzwischen hat SNA Gunnar Kaiser für eine Stellungnahme erreicht. Er schreibt Folgendes:

Ich habe keinen Schimmer davon, was die Rechtfertigungen oder etwaige Belege sind, da mich die Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) zu keinem Zeitpunkt ins Gespräch eingebunden hat - ein Interesse am Austausch und an Klärung war seitens der Stiftung nicht vorhanden. Die Sprache, die im Tweet verwendet wurde, halte ich für bedenklich.

Über die Hintergründe kann ich nur spekulieren, es wird mir allerdings zugetragen, dass die FDP sich gerne für die nächste Bundestagswahl für die Grünen aufhübschen möchte. Sie möchte sich dem vermeintlichen Zeitgeist so weit anbiedern, dass sie in ihrem Abgrenzungsfuror gegen rechts wild um sich schlägt und auch klassische Liberale trifft. Dass sie auf haltlose Unterstellungen eines anonymen Twittertrolls reagiert, zeigt mir, dass sie die Chance zur Distanzierung nur zu gerne und gratismutig annimmt, auch wenn sie damit die falschen trifft und den wahren Rechtspopulismus verharmlost.

Gunnar Kaiser
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