London geht es um die Dorsche: Droht ein Fischerkrieg wie in den Siebzigern?

© Foto : L(Phot) Jay Allen/MOD„River Class“-Patrouillenboot HMS Clyde (Archivbild)
„River Class“-Patrouillenboot HMS Clyde (Archivbild) - SNA, 1920, 16.12.2020
Den Streit, der als Kabeljau-Krieg in die Fischereigeschichte des Vereinigten Königsreichs einging, hat London letztlich verloren. Aber vielleicht kommt ja eine Neuauflage – in ehemaligen EU-Gewässern?
Mitten in der Beunruhigung darüber, dass das Vereinigte Königreich und die Europäische Union kein Handelsabkommen erzielen werden, versetzt London vier Kampfschiffe in den Standby-Modus. Es handelt sich um „River Class“-Patrouillenboote: 90 Meter lang, knapp 45 Stundenkilometer schnell und mit einer 30-mm-Maschinenkanone bewaffnet. Sollte die Übergangsperiode im Brexit ohne Deal enden, würden die Schiffe eingesetzt, erklärt die britische Regierung.
Denn durch den Brexit verlässt Großbritannien auch die sogenannte Gemeinsame Fischereipolitik der EU: ein Übereinkommen, dem London 1983 beitrat. Nur wenige Jahre zuvor hatte die britische Fischereiflotte eine peinliche Niederlage erlitten.
„Es war wirklich Krieg“, erinnert sich der englische Fischer Pete Hickson an damals. „Die hätten mir fast den Kopf weggeschossen. Die Royal Navy vertrieb die isländische Küstenwache aus dem Ozean. Aber dann musste die britische Regierung den Isländern die Schiffsreparatur bezahlen. Wir gewannen die Schlacht, aber verloren den Krieg.“
Jahrzehnte vorher hatten britische Fischer, besonders die aus der Hafenstadt Grimsby an der englischen Ostküste, in fremden Gewässern vor Island gewildert. Dort fingen die Briten ihren besten Kabeljau: einen Fisch, ohne den die Fish & Chips nicht zu denken sind.
Bis Reykjavik im Oktober 1975 einseitig beschloss, die Schutzgewässer vor der isländischen Küste zu einer 200-Meilen-Zone rund um die Insel zu erweitern, und damit die britischen wie übrigens auch die westdeutschen Fischer von ihren besten Fanggebieten abschnitt.
Auseinandersetzungen um den Kabeljau-Fang hatte es vorher schon gegeben, aber dieser „dritte“ Kabeljau-Krieg war der härteste: 17 Mal innerhalb von nicht mal drei Monaten zwischen Dezember 1975 und Februar 1976 rammten Einheiten der Royal Navy isländische Schiffe.
Der Konflikt eskalierte bis in die Führungsgremien der Nato. Die Allianz schaute besorgt zu, wie sich zwei ihrer strategischen Mitglieder bekriegten. Generalsekretär Joseph Luns reiste nach Reykjavik und übte gleichzeitig Druck auf die britische Labour-Regierung aus. Auch die US-Regierung nutzte ihren Einfluss auf Premierminister Harold Wilson, der schließlich stürzte.
Der damalige Außenminister Anthony Crosland (ironischerweise ein Abgeordneter aus der Fischerstadt Grimsby) erzielte schließlich im November 1976 eine Vereinbarung mit Island, die für die britischen Fischer vor allem empfindliche Einschnitte bedeutete: Nur noch 50.000 Tonnen isländischen Kabeljaus durften sie pro Jahr fangen und nur mit 24 ihrer 93 Trawler gleichzeitig zum Fischfang rausfahren. Von diesem wirtschaftlichen Kahlschlag erholte sich die Stadt Grimsby nie mehr.
Der britische Premierminister Boris Johnson (Archivfoto) - SNA, 1920, 15.12.2020
Boris im Brexit: Raffgierig wie zu Großreichzeiten
Und irgendwie wiederholt sich die Geschichte. Zeitungen berichten, dass ein einziges niederländisches Fangschiff – der 120 Meter lange Trawler „Frank Bonefass“ – 23 Prozent der britischen Fangquote kontrolliert und seinen Fang komplett in einem niederländischen Hafen ablädt. Währenddessen besteht Frankreich darauf, dass europäische Fischer auch nach dem Brexit noch Zugang zu britischen Fanggebieten haben sollen.
Der britische Premierminister Johnson beteuert indes, die Kontrolle über britische Gewässer zurückzuerlangen sei ein Hauptanliegen nach dem Brexit. Lange vorher, im Juli 2017, hatte der damalige Umwelt- und Ernährungsminister Michael Gove gedroht, das Vereinigte Königreich werde aus dem Londoner Fischereiübereinkommen von 1964 aussteigen: aus einer Vereinbarung, die es England, Frankreich, Irland, Belgien, den Niederlanden und Deutschland erlaubt, in bestimmten Gebieten vor den Küsten der anderen auf Fischfang zu fahren.
Klingt mutig, fragt sich nur, ob Boris Johnson und seine Herrschaften wirklich bereit dazu sind, die Royal Navy in einen Kampfeinsatz gegen irische, französische, niederländische und deutsche Fangschiffe zu schicken. Und wären die Konsequenzen eines solchen Einsatzes wirklich nur diplomatischer Natur?
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