Der E-Geld-Traum des Notenbankers Zhou: „Die Zukunft, die wir möchten“

© AFP 2022 / ED JONESYuan-Symbol auf dem Bildschirm vor einer Wechselstube in Hongkong (Archivbild)
Yuan-Symbol auf dem Bildschirm vor einer Wechselstube in Hongkong (Archivbild) - SNA, 1920, 16.12.2020
Es gibt einen Unterschied zwischen dem Facebook-Geld Libra und der chinesischen Digitalwährung – und dieser Unterschied ist groß, erklärte Zhou Xiaochuan, ehemaliger Chef der Zentralbank in Peking. Das E-Geld aus China sei nämlich keine Bedrohung für das Weltfinanzsystem. Was hat die chinesische Führung mit dem elektronischen Bargeld vor?
Es ist das erste Mal, dass Zhou Xiaochuan sich zum staatlichen Digitalgeldprojekt in China äußert. Zhou machte sich in den 15 langen Jahren, die er der chinesischen Notenbank vorstand, als Innovationstreiber im Finanzsektor einen Namen. Er war es, der den Wechselkurs der chinesischen Landeswährung partiell liberalisierte und somit die Aufnahme des Yuans in den Pool der internationalen Reservewährungen 2016 ermöglichte. Eine Pionierleistung von Zhou Xiaochuan war auch die Einschätzung des dollarbasierten Finanzsystems nach der Weltfinanzkrise 2008: Als einer der ersten hochrangigen Finanzfunktionäre weltweit äußerte er Zweifel an der Zuverlässigkeit des Dollarzentrismus. Darauf folgten Forderungen nach der Diversifizierung des Weltwährungssystems, damit die Finanzprobleme eines einzigen Landes die Weltfinanzen nicht länger gefährden könnten.
Was die chinesische Führung dazu veranlasst hat, ein eigenes Digitalgeld zu entwickeln, lässt sich dennoch nicht bis ins Letzte nachvollziehen. Die Entwicklung begann 2014, als Zhou noch die chinesische Zentralbank anführte. Worum es beim digitalen Yuan (offiziell: DCEP – Digital Currency Electronic Payment) geht, ist die Einführung eines im Grundsatz neuen Bezahlverfahrens. Bis 2019 herrschte in Peking Stille um das DCEP. Erst als die Pilotversuche mit dem elektronischen Yuan vorbereitet waren, nannte die chinesische Zentralbank einige technische Details des Projekts. So soll die Digitalwährung das im Umlauf befindliche Bargeld ersetzen. Die Emission würde gestaffelt verlaufen: erst von der Zentralbank zu den Kundenbanken, dann von den Kundenbanken zur Bevölkerung. Screenshots der elektronischen Geldbörsen des DCEP, die ins Internet gelangten, ließen annehmen, dass die Anwendung stark an die in China weitverbreiteten mobilen Bezahldienste wie Alipay und WeChatPay angelehnt war – allerdings mit deutlichen Unterschieden.
„Der digitale Yuan ist hauptsächlich dazu vorgesehen, die Funktion eines Zahlungsmittels und des Bargelds, das sich im Umlauf befindet, zu übernehmen. Damit soll den Menschen im Alltag ein verlässlicheres Zahlungsmittel zur Verfügung stehen. Es ist deutlich sicherer als die bestehenden Bezahlsysteme Alipay und WeChatPay. Wir können feststellen, dass der elektronische Yuan auch ohne Internetverbindung funktioniert. Dies ist ein gewichtiger Vorteil, denn die mobilen Bezahldienste benötigen eine Verbindung zum Internet, um den Zahlungsvorgang abzuwickeln“, sagte Chen Fengying vom chinesischen Institut für Internationale Beziehungen der Gegenwart im SNA-Gespräch.
Die Corona-Pandemie habe besonders vor Augen geführt, wie wichtig mobile Bezahldienste seien, sagte der Experte. Dennoch bestehe auf diesem Gebiet weiterhin das Problem der digitalen Ungleichheit. Chen verweist auf die vielen Internetvideos von älteren Menschen, die keinen Zugang zu zahlungspflichtigen Leistungen haben, weil sie kein internetfähiges Smartphone besitzen. Mit dem elektronischen Yuan soll auch dieses Problem gelöst werden, denn das DCEP-Verfahren funktioniert mit einer Internetverbindung ebenso wie mittels automatischer Kennung per Funksignal.
Erste Anwendungsversuche des digitalen Yuans haben bereits stattgefunden. Dazu hatte die chinesische Zentralbank unter 50.000 Einwohnern der Metropole Shenzhen je 200 Einheiten dieser elektronischen Währung verlost. Die Stadtbewohner konnten das E-Geld in teilnehmenden Shops oder für bestimmte Services wie beispielsweise Taxidienste nutzen. Das Pilotprojekt ist zwischenzeitlich ausgeweitet worden: Da eine große Onlinehandelsplattform in die Tests eingestiegen ist, können die Versuchsteilnehmer ihre elektronischen Yuan parallel zum stationären Handel nun auch im Onlineshopping ausgeben. Vier Großraumregionen hat die chinesische Führung für diese erste Testetappe vorgesehen: Shenzhen, Suzhou, Chengdu und Xiongan. Das DCEP soll anstelle des Bargelds verwendet werden, um alle möglichen Anwendungsszenarien und die damit verbundenen Risiken zu identifizieren. Doch das größte Potenzial des E-Yuans liegt laut dem Experten Chen Fengying im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.
Schließung von Geschäften - SNA, 1920, 15.12.2020
Prognose für 2021: „Gigantische Pleite- und Insolvenzwelle kommen auf uns zu“
„Die Verwendung des digitalen Yuans bei internationalen Transaktionen ist das Zukunftsthema schlechthin. Ich spreche bewusst von der Zukunft, denn im Moment ist der elektronische Yuan nur das andere Bargeld. Wenn die digitale Währung auch in den internationalen Zahlungsverkehr Einzug hält, dann erhalten wir einerseits deutlich niedrigere Transaktionskosten und andererseits eine spürbar höhere Nutzerfreundlichkeit“, sagt der Experte. „Der eigentliche Kern dieser Technologie ist jedoch die Sicherheit: die Verringerung der Währungsrisiken. Währungskursschwankungen schränken den Handel und die Investitionstätigkeit stark ein. Mit dem digitalen Geld würden sich diese Risiken umgehen lassen.“
Dies war auch der Punkt des Ex-Notenbankers Zhou. Internationale Zahlungen erfolgen ohnehin heute schon größtenteils bargeldlos: als Überweisung, Kreditkartenzahlung oder mit Bezahl-Apps. Doch diese Transaktionen sind kompliziert und daher zeitaufwendig. Mit dem elektronischen Yuan würden Echtzeitzahlungen möglich.
Das ist aber noch nicht alles. „Der Währungspluralismus ist längst ein Trend, aber ein Land alleine wird diesen Trend nicht verwirklichen können“, sagt der Experte Chen Fengying.
„Ich blicke mit Optimismus auf die Möglichkeit der Zusammenarbeit mehrerer internationaler Organisationen, um das gemeinsame Vorgehen auf diesem Feld zu koordinieren. Die Zukunft, die wir möchten, ist eine Vielzahl an Währungen, die miteinander konkurrieren.“
Zunächst aber ist der elektronische Yuan nur für die Verwendung innerhalb von China vorgesehen. Es sind ohnehin weitere und gründliche Tests der digitalen Währung erforderlich. Anzunehmen ist, dass die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking für einen Großversuch mit dem E-Geld genutzt werden. Denn eine Absicht, den elektronischen Yuan so schnell wie möglich auf internationaler Ebene einzuführen und dadurch die bestehende Weltfinanzarchitektur zu verändern, besteht laut Notenbanker Zhou nicht. Dabei verweist der ehemalige Zentralbankvorstand auf die negativen Erfahrungen mit dem Libra: dem Facebook-Geld.
Das Projekt war gescheitert, bevor es richtig anfing, weil Zentralbanken rund um die Welt einschließlich der amerikanischen Fed die Facebook-Währung zu einer Bedrohung der Weltfinanzstabilität erklärten. Namhafte Projektpartner wie MasterCard und PayPal stiegen daraufhin aus dem Libra aus. Statt den Libra an eine Auswahl der stärksten Weltwährungen zu koppeln, wurde das Facebook-Geld an den Dollar gebunden. Anfang dieses Monats hat Facebook schließlich erklärt, sein Geld nicht mehr Libra, sondern Diem zu nennen – wohl um den schlechten Ruf seiner Kryptowährung loszuwerden.
Darum werde die chinesische Führung ihre Finanzinnovationen niemanden aufzwingen, erklärte Zhou. Selbstverständlich aber könnten Wirtschaftsbeteiligte den E-Yuan nutzen, sollten sie darin einen Vorteil für sich erkennen. So oder so: Bis zur internationalen Einführung des elektronischen Yuans ist noch ein langer Weg zu bewältigen. Im Inland geht das DCEP nach optimistischen Prognosen allenfalls 2023 an den Start.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала