Boris im Brexit: Raffgierig wie zu Großreichzeiten

© SNA / Alexej WitwitskiDer britische Premierminister Boris Johnson (Archivfoto)
Der britische Premierminister Boris Johnson (Archivfoto) - SNA, 1920, 15.12.2020
Der britische Premierminister Boris Johnson und seine Anhänger leben offenbar in einer vom Rest der Welt abgetrennten Blase. In dieser Scheinwelt der Brexit-Supporter gibt es immer noch das British Empire, im dem die Sonne niemals untergeht. Ein Wunschtraum, auf den ein böses Erwachen folgen könnte.
Besser hätte die britische Regierung ihre Überheblichkeit und Verbohrtheit nicht zum Ausdruck bringen können als durch den Auftrag an die Royal Navy, die britischen Gewässer vor europäischen Fischerbooten zu verteidigen. Die Briten wollen raus aus der Europäischen Union, verlangen aber eine Vollmitgliedschaft im europäischen Binnenmarkt – zum Nulltarif. Es ist ja auch der größte Binnenmarkt der Welt.
Premierminister Johnson ist der fleischgewordene britische Hochmut. Sein Land glaubt, nach eigenen Regeln spielen und eigene, den Regeln anderer turmhoch überlegene Maßstäbe setzen zu können. Es ist die Hybris eines Großreichs. Andererseits: Das Recht, nach Unabhängigkeit vom „Joch der EU“ zu rufen, haben die Briten. Es stimmt auch, dass eine Mehrheit des britischen Volkes vor vier Jahren in einem Referendum dafür votiert hat, die Europäische Union zu verlassen.
Auch sollten wir zugeben, dass es an der EU als einer Suprastruktur vieles Verwerfliche gibt. Den Kniefall vor der neoliberalen Austeritätspolitik beispielswiese. Oder das untertänige Einreihen in die aggressive Außenpolitik der Vereinigten Staaten auch gegenüber Russland und China ebenso wie die unterwürfige Unterstützung der zahllosen Auslandskriege der USA.
Insofern ist der EU-Austritt als solcher gar kein Thema. Was einer Klärung bedarf, ist die Art und Weise, wie die Briten die EU verlassen wollen: Raus aus der Gemeinschaft, aber drinbleiben im Gemeinschaftsmarkt – und bitte ohne die Verpflichtung zu EU-Standards und Regeln, die den Marktzugang erst möglich machen: Arbeitsschutz, Lebensmittelstandards, Umweltschutz etc.
Boris Johnson und seine Truppe werden bei jedem Vorschlag, EU-Regeln zu akzeptieren, geradezu rasend. Dies sei ja wohl eine unerhörte Verletzung der „britischen Souveränität“, donnern und poltern sie dann.
Aber mal ehrlich: Wenn die Briten die Taue zur EU kappen wollen, dann lasst sie doch. Lasst sie ihren eigenen Weg gehen als eine im globalen Freihandel auf sich gestellte Einheit. In der Welt von heute ist so etwas kaum machbar. Zumal bei dem Umstand, dass das Vereinigte Königreich bei über der Hälfte seiner Im- und Exporte auf die EU angewiesen ist.
Bisher jedenfalls zögert Großbritannien, den Weg allein zu gehen, obgleich viele Brexit-Befürworter in ihrer Nostalgie nach dem Glanz des vergangenen Großreichs verblendet nach so einem Ausgang rufen. Johnson und seine Regierung vertreten sichtbar die Gewissheit, dass sie der EU einen Handelsdeal werden abringen können, ohne sich auf EU-Regeln einlassen zu müssen. Ein klassischer Fall von Großmannssucht nach der Maxime „ich will den ganzen Kuchen, und zwar jetzt“.
Ursula Von Der Leyen (Archivfoto) - SNA, 1920, 13.12.2020
Johnson und von der Leyen wollen Brexit-Gespräche fortsetzen – EU-Kreise
Doch es beschleicht einen das Gefühl, dass die Wirklichkeit hinter Johnsons Getöse und Gepolter über die Bereitschaft zum harten Brexit eine gegensätzliche ist. Der Premierminister und viele andere Regierende sind sich offenbar bewusst, was auf das Vereinigte Königreich zukommen könnte, sollte es am Ende des Monats ohne Handelsabkommen aus der EU geworfen werden: Ein verheerender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Crash.
Das ist der Grund, warum Johnson die Frist für einen Deal, die am Sonntag ablief, verschoben hat. Die „Extrameile“ wolle er noch gehen, um das Abkommen zu retten, erklärte der Premier. Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich bereiterklärt, die Deadline zur Vermeidung eines harten Brexits zu verschieben.
Dabei hat gerade Großbritannien sehr viel mehr zu verlieren, sollte es zum harten Brexit kommen. Lebensmittelknappheit und Preissteigerungen würden vor allem die einfachen Briten treffen, denn es würden über Nacht Grenzkontrollen eingeführt und Zölle erhoben.
Johnson hatte mal verlautbart, er würde lieber „tot im Graben“ liegen, als dass er die EU um eine Fristverschiebung bäte. Über ein Jahr ist das her – jetzt wird über mehr Zeit für eine Einigung gerangelt. Johnson weiß eben um das Desaster, das der britischen Wirtschaft sonst bevorstünde. Lediglich der britische Hochmut verhindert den Abschluss eines beidseitig akzeptablen Abkommens.
Dies wäre sonst vor Monaten bereits geschehen, würden die Briten nicht glauben, noch die Größe zu haben, dass alle einen Kotau machen müssten vor ihren selbstherrlichen Ansprüchen. Was wir derzeit erleben, ist ein niedergebrochenes Großreich von damals auf dem Weg aus den Untiefen seiner vermeintlichen Weltmacht. 
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала