Warnruf der BSK-Ethik-Kommission: Viele Schweizer Pflegende sind am „Ende ihrer Kräfte“

© REUTERS / ARND WIEGMANNMitarbeiterin der Intensivstation im Universitätsklinikum Zürich
Mitarbeiterin der Intensivstation im Universitätsklinikum Zürich - SNA, 1920, 14.12.2020
Seit Wochen spitzt sich die Lage in der Schweiz zu: Immer mehr Krankenhäuser kommen ans Ende ihrer Kapazitäten. Dabei stehen vor allem die Grenzen des Pflegepersonals im Vordergrund. Eine solche Überlastung sei nicht mehr hinnehmbar, schrieb die Ethikkommission des Berufsverbandes für Pflegende in einem Warnruf an die Kantons- und Bundesregierung.
Die Kapazitäten des Schweizer Gesundheitssystems kommen allmählich an ihre Grenzen, schreibt die Schweizer Nachrichtenredaktion „Schweizer Radio und Fernsehen“ (SRF). Dass es noch Betten in den Krankenhäusern gebe, sei momentan nicht der ausschlaggebende Punkt: Personaltechnisch könnten die Krankenhäuser zwar mithalten, doch eine solche Arbeitsweise sei nicht mehr lange hinnehmbar.
Das Schweizer Gesundheitswesen

Im Schweizer Gesundheitssystem gibt es sowohl privatwirtschaftlichen wie auch staatlichen Einfluss. Private Krankenkassen und Versicherungsdienstleister bewegen sich auf einem stark reglementierten Markt, schreibt die öffentlich-rechtliche Informations- und Nachrichtenplattform „swissinfo“. Es gibt staatliche wie auch private Krankenhäuser, Kliniken und Ärzte. Reguliert und ausgeführt wird die Gesundheitsversorgung auf kantonaler Ebene, auch wenn der Bund gewisse Gesetze vorschreibt. Trotz Unübersichtlichkeit und zersplitterter Aufgabenteilung ergeben Studien, dass die Schweiz eines der besten Gesundheitssysteme weltweit aufweist.

Jeder Schweizer Bürger ist verpflichtet, eine Grundversicherung abzuschließen. Diese Grundversicherung sieht monatliche Prämien in verschiedenen Höhen vor. Jedem Einzelnen steht also frei, welche Prämie er bereit ist zu zahlen. Die Höhe dieser Prämien ist abhängig von den Franchisen – der Betrag der Franchise muss jedoch selbst übernommen werden. So zahlen Versicherte mit einer hohen Franchise weniger Prämien, während Bürger mit einer niedrigen Franchise mehr Prämien bezahlen. Doch auch bei Überschreitung des Franchise-Betrags müssen Versicherte einen Selbstbehalt von durchschnittlich 10 Prozent zahlen.

Preise, die Ärzte für Behandlungen verlangen dürfen, sind in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben. Dabei überwachen Krankenkassen freipraktizierende Ärzte in Form einer Wirtschaftlichkeitsprüfung. Statistisch auffällige Ärzte, die mehr Kosten verursachen als vergleichbare Ärzte, können somit mit einem Prüfungsverfahren rechnen. In gewissen Fällen müssen diese dann Honorare zurückbezahlen. Aufgrund dieser Regelung besteht ein unternehmerisches Risiko.

Wie auch in Deutschland gibt es in der Schweiz zu wenig medizinisches Personal, weswegen die Eidgenossenschaft auf das Ausland angewiesen ist. Begünstigt wird dieser Mangel auch durch die Zulassungsprüfung in den Fächern Humanmedizin, Veterinärmedizin, Zahnmedizin und Chiropraktik.

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Warnruf

Die Ethik-Kommission des Schweizer Berufsverbands für Pflegefachpersonal (SBK) schreibt, dass bereits jetzt viele Pflegende am „Ende ihrer Kräfte“ angelangt seien. In einem Warnruf, adressiert an den Bundesrat und die Kantonsregierungen, zählen sie anschließend die vielen Bereiche und Institutionen auf, in welchen Pflegekräfte eingesetzt werden. Dazu listet die Ethik-Kommission auch die Gründe auf, weswegen die Menschen hinter dem Beruf stark unter den jetzigen Arbeitsumständen leiden. Von Altersheimen über Mitarbeiter in psychiatrischen Kliniken bis zur Intensivstation – das Personal leide unter Stress und den immer enger werdenden Kapazitäten.
Die momentanen Arbeitsbedingungen erlauben es dem Schweizer Pflegepersonal nicht, den Patienten die nötige Aufmerksamkeit zu geben. Die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung der Neuinfektionen wirke laut der Ethik-Kommission zu wenig. Falls es in den nächsten Wochen und Monaten nicht besser werden würde, so könnten schwere Folgen für Patienten entstehen.
„Die Konsequenz sind menschliches Leid, Komplikationen und hohe Todesfallzahlen“, schreibt das SBK.
Weihnachtsdekoration der Züricher Straßen - SNA, 1920, 07.12.2020
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Um also die Missstände in Krankenhäusern und Kliniken zu erleichtern, fordert die Ethik-Kommission ­­nun einheitliche und klare Maßnahmen für die Schweizer Bevölkerung. So sollen private Treffen, die notwendig sind, stets mit Berücksichtigung der aktuellen Hygieneregeln stattfinden – also mit dem Sicherheitsabstand und dem Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung. Alle nicht notwendigen privaten Treffen sollen in dem Sinne nur per Telefonat oder Videoanruf stattfinden. Ein weiterer wichtiger Punkt der Forderungen besagt, dass die finanzielle Sicherheit von Krankenhäusern gewährleistet werden soll, wenn beispielsweise nicht dringliche Operationen verschoben werden. Das Pflegepersonal soll zudem durch „geeignete Personen“ im Zivildienst und Zivilschutz unterstützt werden. Wenn nötig, soll auch das Militär in Einsatz kommen, um das Pflegepersonal zu entlasten.

Lockdown seit Oktober gefordert

Neu seien solche Forderungen nicht. Die Pflegenden fordern bereits seit Oktober einen Lockdown. Dass sich nun der Bundesrat für nationale Maßnahmen eingesetzt habe, wäre erfreulich, doch die neuen Regelungen seien immer noch nicht hinreichend. Diese Meinung vertreten auch Experten am Covid-Testzentren der Universität Zürich.
Der Epidemiologe Jan Fehr sagte dazu zum SRF: „Es ist nicht Zeit für Ohnmacht, aber wir kommen ans Limit. Wir müssen Notbremse reinbringen, damit wir die Situation im roten Bereich umgehen können.“
Jan Fehr
Epidemiologe an der Universität Zürich
Die Situation der Auslastung hängt stark vom jeweiligen Kanton ab. In den Kantonen Aargau und Solothurn beispielsweise seien ungefähr 90 Prozent der Intensivbetten belegt. In anderen Kantonen seien die Zahlen etwas positiver mit einer Auslastung von 30-50 Prozent. Doch die Lage spitze sich jeden Tag mehr zu, so das SRF. Situationen wie diese würden das Personal außerordentlich fordern und seien sehr auslaugend, meint Fehr.

Massentests als Moment-Aufnahme

Im Kanton Graubünden fand am Wochenende der erste Flächentest in der Schweiz statt. Das Ziel war 20.000 Personen zu testen, unabhängig von ihrem Befinden. Zu den kostenlosen Schnelltests kamen insgesamt 15.151 Freiwillige aus dem Hochtal Engadin, wie auch den anschließenden Südtälern Bergell, Puschlav und Münstertal. Die Auswertungen dieser Tests zeigte, dass ungefähr ein Prozent der Probanden (150 Personen) asymptomale Träger des Virus waren. Eine solche Durchführung von Massentests zeige kein abschließendes Bild der Situation, so die Behörden der Stadt Chur am Montag. Dennoch eigne sich ein solcher Versuch als eine „aussagekräftige Moment-Aufnahme“, schreibt die Schweizer Zeitung „Tages-Anzeiger“.
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