Tichanowskaja hofft auf Hilfe Deutschlands für weißrussische Opposition

© SNA / Victor TolochkoSwetlana Tichanowskaja (Archivfoto)
Swetlana Tichanowskaja (Archivfoto) - SNA, 1920, 14.12.2020
Nach heftigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten in Weißrussland fordert die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja von Deutschland eine Aufhebung der Visumspflicht. Verfolgte hätten so die Möglichkeit, in Sicherheit zu gelangen, sagte die Bürgerrechtlerin bei einem Besuch in Berlin dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ am Montag.
„Wenn Menschen eingesperrt und zusammengeschlagen werden, dann ist das der Moment, in dem Deutschland und andere Länder nachdenken sollten: Sind sie vorsichtig oder folgen sie den Prinzipien der Demokratie?“, sagte die 38-Jährige.
Alexander Lukaschenko (Archivfoto) - SNA, 1920, 11.12.2020
Wegen Gewalt gegen Demonstranten: Schweiz verhängt Sanktionen gegen Lukaschenko
Tichanowskaja forderte zudem eine Ausweitung der EU-Sanktionen gegen den Apparat von Präsident Alexander Lukaschenko. „Die Strafmaßnahmen wirken lächerlich, wenn wir sehen, wie viele Menschen bis jetzt festgenommen wurden. Mehr als 30.000 sind es seit August“, sagte die Bürgerrechtlerin. Sie räumte ein, dass es viele Worte der Unterstützung gebe. „Wir brauchen aber Taten“, betonte sie.
Bei Protesten gegen Lukaschenko am vergangenen Sonntag kamen dem weißrussischen Innenministerium zufolge 271 Menschen in Gefängnisse. Der Grund dafür war die Teilnahme an nicht genehmigten Kundgebungen.
Allerdings hatten sich weniger Menschen daran beteiligt als noch im Herbst. „Auch wenn die Proteste auf der Straße jetzt im Winter abnehmen werden, wir werden das überstehen und im Frühjahr noch stärker zurückkehren, wenn das Wetter besser wird“, sagte Tichanowskaja. Sie glaube, dass man dabei gewinnen könne.
Swetlana Tichanowskaja - SNA, 1920, 13.12.2020
Tichanowskaja kommt bald nach Berlin und Brüssel
Tichanowskaja wollte am Montagnachmittag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier treffen.
Hintergrund
Weißrussland steckt seit der Präsidentenwahl am 9. August in einer schweren innenpolitischen Krise. Lukaschenko hatte sich nach 26 Jahren an der Macht mit 80,1 Prozent der Stimmen für eine sechste Amtszeit bestätigen lassen. Die EU erkennt ihn nicht mehr als Präsidenten an. Die Opposition sieht in Tichanowskaja die wahre Siegerin. Sie war nach der Abstimmung ins baltische EU-Land Litauen geflohen.
Am Mittwoch nimmt Tichanowskaja den Sacharow-Preis des Europaparlaments (auch EU-Menschenrechtspreis genannt) entgegen. Die Auszeichnung wird in diesem Jahr an die Opposition in Weißrussland verliehen.
Die frühere Fremdsprachenlehrerin Tichanowskaja gilt als Anführerin der Demokratiebewegung. Sie hatte überraschend eine Zulassung zur Präsidentenwahl erhalten, nachdem Lukaschenko ihren Ehemann im Gefängnis hatte einsperren lassen.
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