Professor kritisiert Lockdown-Empfehlung der Leopoldina

© AFP 2022 / INA FASSBENDERLockdown in Deutschland (Archivbild)
Lockdown in Deutschland (Archivbild) - SNA, 1920, 14.12.2020
Die Leopoldina gilt als wichtigstes Beratungsgremium der Bundesregierung in der Corona-Pandemie. Letzte Woche empfahl die Leopoldina einen harten Lockdown über die Feiertage. Genauso soll es nun kommen. Doch ein Mitglied der Akademie schert aus und schickt eine empörte Protestnote an den Präsidenten der Leopoldina.
Prof. Dr. Michael Esfeld ist Wissenschaftsphilosoph an der Universität von Lausanne und selbst Mitglied der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle/Saale. Am 8. Dezember hat Esfeld den Präsidenten der Leopoldina, Herrn Prof. Haug in einer Protestnote aufgefordert, die Stellungnahme der Leopoldina, in der ein harter Lockdown gefordert wird, zurückzuziehen.
Esfeld schreibt:
„Diese Stellungnahme verletzt die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit, auf denen eine Akademie wie die Leopoldina basiert. Es gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen.“
In der Aufforderung der Leopoldina zum harten Lockdown vom selben Tag hieß es:
„Trotz Aussicht auf einen baldigen Beginn der Impfkampagne ist es aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl an Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern.“

Wissenschaftliche Kontroverse

Prof. Esfeld, der einen Lehrstuhl für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Lausanne in der Schweiz innehat, findet die wissenschaftliche Grundlage für einen Lockdown nicht eindeutig genug und schreibt von einer „wissenschaftlichen Kontroverse“:
„Innerhalb des engeren Kreises der Experten von Virologie und Epidemiologie ist die Strategie zum Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus umstritten. Der Seite von Virologen und Epidemiologen, die scharfe politische Maßnahmen fordern, steht eine andere Seite von Virologen und Epidemiologen gegenüber, die mit Gründen einen nur auf die Risikogruppen fokussierten Schutz empfehlen, ausgedrückt zum Beispiel in der von führenden Medizinern verfassten Great Barrington Declaration“, so Esfeld in seinem offenen Brief.

Schutz der Risikogruppen und Kollateralschäden vermeiden

Die „Great Barrington Erklärung“ ist ein Dokument, das von führenden Virologen und Epidemiologen unterzeichnet wurde und im Rahmen der COVID-19-Pandemie den „gezielten Schutz“ der Risikogruppen empfiehlt, während den Jungen und Personen mit einem geringeren Sterberisiko erlaubt werden solle, ihr normales Leben zu führen, bis durch natürliche Ansteckungen eine Herdenimmunität erreicht sei. Dadurch sollen die durch einen Lockdown oder Shutdown verursachten Kollateralschäden vermieden werden.
Die WHO, Stimmen aus der Forschung und öffentlichen Gesundheitsversorgung kritisieren Teile der Great-Barrington-Erklärung: unter anderen das Konzept, Personen mit geringerem Sterberisiko der Gefahr der Ansteckung in der Pandemie auszusetzen, um damit eine Herdenimmunität zu erreichen, sei ethisch problematisch und nicht wissenschaftlich fundiert.
Professor Esfeld, der selbst seit 2010 Mitglied der Leopoldina ist, schreibt in seiner Protestnote dazu:
„Im weiteren Kreis der Wissenschaftler ist höchst umstritten, ob der Nutzen scharfer politischer Maßnahmen wie ein Lockdown die dadurch verursachten Schäden aufwiegt – und zwar Schäden an zukünftigen Lebensjahren, die in Deutschland und anderen entwickelten Ländern infolge eines Lockdown verloren gehen, Todesfälle durch einen erneuten Anstieg der Armut in den Entwicklungsländern usw. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, gemäß denen die verlorenen Lebensjahren den maximal erreichbaren Nutzen geretteter Lebensjahre um ein Vielfaches übersteigen werden.“
Angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen haben Bund und Länder am Sonntag in einer Videokonfefrenz einen weitgehenden Lockdown vom 16. Dezember bis zum 10. Januar beschlossen.
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