Nein zu Glühwein: Herr Schausteller, was halten Sie von gekipptem Weihnachtsgeschäft? Ein Gespräch

© REUTERS / FABRIZIO BENSCHWeihnachtsmarkt in Berlin
Weihnachtsmarkt in Berlin - SNA, 1920, 14.12.2020
Mit dem Lockdown fallen jetzt noch die Weihnachtsgeschäfte durch die Stände aus. Sind sie für die Kleinunternehmer hinnehmbar oder gleich Tod?
Der Vorstand der Interessengemeinschaft Berlin-Brandenburger Schausteller, Thilo-Harry Wollenschlaeger, bringt die Lage in der Branche in einem SNA-Gespräch auf den Punkt.
- Herr Wollenschlaeger, haben Sie und Ihre Kollegen noch auf das Weihnachtsgeschäft gehofft? Oder kam der Zweite Lockdown für Sie schon erwartet?
Wir hatten natürlich mit den insgesamt über 30 Ständen, die von unseren Schaustellern in Berlin aufgebaut wurden, gehofft, jetzt doch etwas vom Weihnachtsgeschäft abzukriegen. Es sind meistens Essensstände mit etwa gebrannten Mandeln oder gebackenen Dingen, aber auch einige Getränkestände. Mit den Schließungen geraten wir in eine schwierige Situation. Andererseits haben wir Verständnis, weil es trifft ja nicht nur uns, sondern alle andere auch.
-Ist das Weihnachtsgeschäft tatsächlich so relevant im Verhältnis zu anderen Monaten?
Nein. Bei uns ist es schon das ganze Jahr dramatisch. Normalerweise beginnt die Volksfestsaison für die Schausteller an Ostern und endet mit den Weihnachtsmärkten. Nachdem wir im Sommer die Zahlen rückläufig hatten, hatten wir natürlich auf die Weihnachtsmärkte gehofft und wurden natürlich jetzt wieder enttäuscht. Wir haben aber auch einige Schaustellerbetriebe ohne Einnahmen im gesamten Jahr. Wir hoffen jedoch, dass es dann im Frühjahr mit den Impfungen normal weitergeht. Wir sind ja Beruftsoptimisten.
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- Sie haben also Vertrauen in die politischen Maßnahmen?
Wir vertrauen in die Maßnahmen, und wir haben auch Verständnis, wenn wir uns die dramatischen Zahlen anschauen. Da ist die Politik gehalten, zu handeln, und wenn jeder dazu beiträgt, dann sind wir auf dem guten Weg.
- Wovon leben Sie in der Krise?
Die staatlichen Hilfen wurden in unterschiedlichster Form auf den Weg gebracht. Wir haben im Frühjahr erstmal die Soforthilfe bekommen. Sie wurde sehr schnell ausgezahlt, reicht aber natürlich nicht für das ganze Jahr. Es gab dann von der Bundesregierung die sogenannten Novemberhilfen, die auf Dezember ausgeweitet werden dürften. Das ist wichtig. Wenn die Hilfe ankommt, dann kann die Branche erstmal Luft holen und sich erholen. Auf der anderen Seite wünschen wir uns unser normales Leben zurück, und wir möchten ganz normal unserem Beruf nachgehen. Ich glaube jedoch, dass die Bundesregierung uns gut durch die Krise führt, und wenn ich das mit anderen Ländern vergleiche, dann sind wir hier in Deutschland gut aufgehoben und aufgestellt.
- Bekommen Sie tatsächlich etwa 70 Prozent Ausgleich vom Staat?
Die November-Hilfe im Wert von 75 Prozent vom Umsatz war eine große Hilfe für die Kollegen, die in dem Zeitraum ein gutes Geschäft machten. Aber es gibt ja auch etwa Kollegen mit einer Wildwasserbahn, die im November kein Geschäft haben. Da wäre vielleicht eine Eins-Zwölftel-Regel besser angebracht gewesen. Ich persönlich betreibe im Herbst ein Oktoberfestzelt, aber das ist mein Geschäft im Oktober. Ich bin trotzdem ganz glücklich, dass Deutschland hier vieles auf den Weg bringen kann - da, wo in anderen Ländern gar keine Hilfe zu erlangen ist.
- So dramatisch scheint Ihre Lage also nicht zu sein, oder?
Nein, die Lage ist dramatisch. Man muss die Sachen ganz klar trennen. Wir haben natürlich wirtschaftlich Beulen und Dellen, auf der anderen Seite zählt für uns auch die Gesundheit der Besucher.
- Haben Sie Kollegen, die die Menschen schon entlassen haben oder müssen?
Auch da haben wir ganz unterschiedliche Situationen der einzelnen Schausteller. Die einen haben die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, die anderen mussten sie entlassen. Wir haben ja eher Saisonbetriebe, und unser Saisonende kam jetzt mit dem harten Lockdown. Ich als Beruftsoptimist hoffe jedoch, dass wir im Frühjahr ganz normal: mit Abstand, Hygienekonzepten und Masken - an den Start gehen können.
- Es klingt so, als hätten Sie keine Forderungen an die Politik.
Selbstverständlich haben wir Forderungen an die Politik. Wenn wir nach Corona wieder an den Start gehen, dann erwarten wir, dass man nicht noch mehr Auflagen und Schwierigkeiten macht, sondern uns aus dem Startblock auf die Beine hilft. Wir sind sehr angeschlagen und warten, wie die weiteren Hilfen aussehen sollen bis März. Wenn es sich mit Corona noch länger hinziehen sollte, in den Herbst oder so, hoffen wir, dass der Staat uns nicht im Regen stehen lässt achselzuckend, sondern dass wir entsprechende Hilfen bekommen.
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- Sie werden also auch einen dritten Lockdown verkraften können? Ganz unvorstellbar ist er nicht, wenn die Menschen sich nur langsam impfen lassen.
Wir Schausteller sind fleißige Menschen, haben Kollegen, die mittlerweile versuchen, andere Dinge zu machen und in anderen Gewerken zu arbeiten. Aber man muss natürlich vorsichtig sein, dass man unsere gesamte Branche jetzt nicht auslöscht. Wir wollen dann auch, dass die Gesellschaft - der Großteil ist von der Corona-Krise wirtschaftlich nicht so gezeichnet wie wir - uns als Solidargemeinschaft mitnimmt.
Thilo-Harry Wollenschlaeger ist Betreiber des gleichnamigen Schaustellerbetriebs Thilo-Harry Wollenschlaeger e. Kfm. und ist hiermit Schausteller in der fünften Generation.
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