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Claas Relotius schreibt wohl wieder für den „Spiegel“ – Haarsträubende Story über den Fall Nawalny

© SNA / Ekaterina ChesnokovaAlexej Nawalny (Archivfoto)
Alexej Nawalny (Archivfoto) - SNA, 1920, 14.12.2020
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Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hat in einer als Eilmeldung deklarierten und in dramatischem Tonfall gehaltenen mehrseitigen Geschichte die angeblichen Schuldigen für den Anschlag auf Kreml-Kritiker Alexej Nawalny präsentiert. Allerdings ist auch diese Sensationsstory nichts weiter als peinliche antirussische Hetze in Reinkultur. Ein Kommentar.
„Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten“ lautet die Schlagzeile, die in dieser Dramatik auch in der Titelredaktion der „Bild“-Zeitung entstanden sein könnte. Der Teasertext wird sogar noch konkreter: „Mindestens acht Agenten des russischen Geheimdienstes FSB waren nach Recherchen von SPIEGEL, Bellingcat und weiteren Partnern offenbar am Giftanschlag auf Alexej Nawalny beteiligt.“ Nach Nennung der fünf Autoren, die das Hamburger Nachrichtenmagazin für diese Story aufgeboten haben will, erwarten durchschnittlich gebildete Leser eigentlich konkrete Nachweise wie etwa: Iwan der Schreckliche träufelte Alexej Nawalny eine Dosis Nowitschok in sein Nasenloch, während ihn der Agent Grigori Rasputin festhielt.

Warum eine Sensation hinter einer Bezahlschranke?

Durchschnittlich gebildete Leser würden mindestens auch erwarten, dass zweifelsfreie Belege nachlesbar sind für die Tatsachenbehauptung „Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten“. Doch stattdessen stellen Leser zunächst einmal fest, dass sie diese Belege nur hinter einer Bezahlschranke lesen können sollen. Das mutet bereits merkwürdig an, denn angesichts des politisch extrem aufgeladenen Falls, der die Beziehungen Deutschlands und der EU mit Russland bis aufs Äußerste belastet und gestört hat, wäre es doch geradezu ein Triumph, Moskau endlich festnageln zu können, es also für jeden lesbar in die Welt hinauszuposaunen.

Jahrelange Routine-Observation wird im Spiegel zum Mordkomplott

Das Rätsel löst sich für diejenigen, die tatsächlich für den Artikel bezahlen und sich dann durch mehr als 5.400 Wörtern kämpfen, die zusammen mit Fotos auf 25 Din-A4-Seiten Platz finden, um am Ende nüchtern festzustellen: Ja, gut, die haben also Nawalny beschattet. Das ist ja irrsinnig sensationell! Ja, gut, die waren immer in seiner Nähe, haben ihn jahrelang überall hin verfolgt. Das hat es ja so in der Geschichte von Geheimdiensten noch nie gegeben! Im Regelfall liest sich ein durchschnittlich verständiger Leser das Ganze noch einmal durch, um die beim ersten Mal vermutlich überlesene Stelle zu finden, aus der ganz unzweifelhaft hervorgeht, was in der Schlagzeile behauptet wird: „Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten“.

Nicht belegbare Mutmaßungen sind für den Spiegel „Kaum vernünftige Zweifel“

Doch mit jedem weiteren Lesen der angeblich atemberaubenden Enthüllungsstory, für die der „Spiegel“ auf die hinlänglich für ihre, insbesondere im Hinblick auf Russland, extrem unvoreingenommene und schonungslos objektive Arbeit bekannten Partner „Bellingcat“, „The Insider“ und „CNN“ zurückgriff, nimmt die Zahl der Fragezeichen zu. Die Story beginnt mit einer Schilderung des Zusammentreffens der Reporter mit Alexej Nawalny, die so schwülstig klingt wie eine Reportage des „Neuen Deutschland“ nach der Rückkehr von Günter Guillaume in die DDR geklungen hätte.
Dann, schon im vierten Absatz, beginnt die sattsam bekannte Arie der Konjunktive und Mutmaßungen, die so formuliert werden, dass sie wie erwiesene Tatsachenbehauptungen klingen:
„Gut drei Monate nach dem Anschlag auf den 44 Jahre alten russischen Oppositionspolitiker bleiben nach gemeinsamen Recherchen des SPIEGEL und der Rechercheplattformen Bellingcat und The Insider sowie des US-Fernsehsenders CNN kaum vernünftige Zweifel an der Identifizierung jener Männer, die Nawalny am 20. August dieses Jahres mutmaßlich mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergifteten.“

Wieder einmal dreiste Lügen über Nowitschok als „Beweise“

Abgesehen davon, dass jede Menge sehr vernünftiger, sogar zwingender Zweifel an dieser dreisten Behauptung existieren, folgt bereits im nächsten Absatz eine plumpe Lüge, die aber wichtig ist für das westliche Narrativ vom bösen Russen:

„Bereits kurz nach dem Anschlag schrieben Experten und Politiker die Tat dem russischen Staat zu, weil nur er über nennenswerte Mengen des seltenen Gifts verfüge.“

Der BND verfügt seit den 80er Jahren über Nowitschok. In den USA lebt seit Jahren einer der sowjetischen Mitentwickler der Gifte der Nowitschok-Gruppe. Die USA hatten in den 90er Jahren, unter Ausschluss der OPCW, den sowjetischen Nowitschok-Produktionsstandort in Usbekistan demontiert. Das britische Geheimlabor für militärische Kampfstoffe in Porton Down, wenige Kilometer entfernt vom Ort des Anschlages auf den früheren sowjetischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter, ist ebenfalls in der Lage, Nowitschok herzustellen. Und das schwedische Militärlabor in Umeå überraschte im Fall Nawalny mit der Mitteilung, über Nowitschok-Referenzproben zu verfügen, die es im Fall Skripal noch nicht hatte. Wer so sicher wie westliche Regierungen Nowitschok aus angeblich russischer Produktion nachweisen kann, der dürfte auch in der Lage sein, beliebige Mengen dieses Giftes herzustellen, zumal die „Rezeptur“ bekannt ist.

Alleine 14-mal findet sich das Wort „mutmaßlich“

Mit diesen immer gleichen, bis heute nicht bewiesenen Schuldzuweisungen an die Adresse Russlands geht es die nächsten Absätze munter weiter. Natürlich darf der Verweis auf die russische Präsidialverwaltung nicht fehlen. Der Name des russischen Präsidenten taucht 11-mal im Artikel auf. Das Wort „mutmaßlich“ alleine 14-mal, die Wörter „womöglich“ und „offenbar“ insgesamt je viermal. Wie jeder durchschnittlich gebildete Leser sofort zwingend erkennt, ein unwiderlegbarer Beleg für: „Das sind die Männer, die Nawalny töten sollten“.
Notaufnahme der Berliner Charite-Klinik, wo Alexei Nawalny behandelt wurde - SNA, 1920, 13.12.2020
„Times“ schreibt über „zweiten Giftanschlag“ auf Nawalny
Widmen wir uns also diesen Männern. Acht sind es, die der Spiegel als angebliche oder tatsächliche russische Geheimdienstmitarbeiter identifiziert haben will. Und natürlich wurden sie auch zu Stellungnahmen angefragt. Aber im Gegensatz zu Agenten westlicher Geheimdienste, die bekanntlich bereitwillig über ihre Arbeit Auskunft geben, haben diese fiesen Russen doch glatt geschwiegen. Aber das kennt der freie Westen ja schon vom Russen, eben deshalb ist dem nicht zu trauen.
Als „Beweise“ dafür, dass das „Killerkommando“ (Originalton Spiegel) angeblich Hand an Nawalny legte, müssen umfangreiche Überwachungsdaten einer Mobilfunkkommunikation herhalten, aus denen Bewegungsprofile generiert wurden. Was die russischen "Killer" besprochen haben, erfahren die Leser nicht, obwohl doch gerade das für einen Beweis eines Mordversuches von immenser Bedeutung wäre, vorausgesetzt die acht Männer sind tatsächlich Mörder und nicht einfach nur schlicht und ergreifend ein Observationsteam und vorausgesetzt die Mobilfunkdaten sind authentisch. Unabhängig davon erfahren die Leser erneut jede Menge Mutmaßungen der Meisterermittler vom Spiegel und seinen Partnern, wir erinnern uns, das Wort „mutmaßlich“ taucht in dem Text alleine 14mal auf.

Stupide Anti-Putin-Hetze mit Fake-Zitat

Zunächst aber wird natürlich ein Foto von Wladimir Putin präsentiert, auf dem er möglichst brutal aussieht. Versehen mit der Bildunterschrift: „Präsident Putin: Nawalny weiß, was es heißt, gegen ihn aufzubegehren“. Für jeden einigermaßen gebildeten Zeitgenossen ist das klar erkennbar ein Zitat, das Putin zugeschrieben wird und belegen soll, dass Putin hinter dem Anschlag auf Nawalny steht. Dumm nur, dass der russische Präsident diesen Satz nie gesagt hat, sondern dass er dem Gehirn der Spiegel-Autoren entsprungen ist, die vier Absätze vor diesem Foto behauptet hatten:
„In 20 Jahren Politik hat der Jurist Nawalny gelernt, was es heißt, gegen Wladimir Putin aufzubegehren.“
Klassischer westlicher Qualitätsjournalismus eben, so wie von Spiegel-Autor Claas Relotius zur preisgewürdigten Meisterschaft vervollkommnet. Und natürlich sind Nawalnys mehrfach belegter Rassismus und Nationalismus für das Autorenkollektiv nur „Flirts mit nationalistischen Gedanken“. Dieser hypersensible, so schlimm missverstandene Mann offenbart dann den Reportern, dass er schon einmal ein Erlebnis im Flugzeug hatte wie das, mit dem er 2020 traurige internationale Bekanntheit erlangte. Nachprüfbar ist diese bislang unbekannte Geschichte aus dem Jahr 2017 nicht, aber sie passt hervorragend ins westliche Narrativ von den blutrünstigen russischen Mörderbanden, die im Auftrag eines zynischen Präsidenten blindlings morden, weshalb es unbedingt neue Sanktionen geben müsse, wie der sensible Nawalny den Spiegel-Reportern anvertraut.

Observation Nawalnys wird für den Spiegel zum Mordbeweis

Dieses Narrativ ist wichtig für den Fortgang der Gruselstory. Denn natürlich gibt es auch weiterhin keinen einzigen Beleg für eine Mordbeteiligung der acht präsentierten Männer. Die Tatsache, dass ein Observationsteam, das auf Nawalny angesetzt wurde, diesem selbstredend immer auf den Fersen ist, wird zum Beleg für die Mordthese der Spiegel-Hilfsstaatsanwälte. Die Qualität der Beweise, die der Spiegel präsentiert, mag diese Passage belegen:
„Noch während Nawalny in der Luft ist, macht FSB-Mann Alexandrow seinen ersten Fehler. Er schaltet sein Mobiltelefon kurz an. Anhand seiner Daten kann man im Nachhinein seinen Standort bestimmen: Um 15.34 Uhr Ortszeit Nowosibirsk befindet er sich vor dem Hotel, das Nawalnys Mitarbeiterin Pewtschich ursprünglich gebucht, dann aber doch verlassen hatte.“
Natürlich ist für jeden verständigen Leser sofort erkennbar, wie die russische Verteidigungsstrategie unter diesen massiven Beweisen krachend in sich zusammenfällt.

Nawalny – der angeblich gefährlichste Putin-Gegner

In diesem Stil geht es munter weiter. Abermals keinerlei Belege dafür, dass irgendeiner der acht Männer direkten Kontakt mit Nawalny oder Zugang zu dem Hotelzimmer hatte, in das er mit seinem Team ausgewichen war. Weil natürlich selbst ein Blatt von Relotius-Fake-Qualitäten wie der Spiegel die abenteuerlichen diversen Erklärungsgeschichten des Teams von Nawalny nicht ignorieren kann, tischt der Spiegel auch hier Mutmaßungen, krampfhaft konstruierte Sinnzusammenhänge und abenteuerliche Logik auf, um am Ende behaupten zu können, Nawalny sei der gefährlichste Gegner für Putin. So gefährlich, dass dieser jenen nach Berlin ausreisen lässt, damit dort Nowitschok nachgewiesen werden kann, nachdem mehrere Jahre lang offenbar ein Team aus minderbemittelten Nachtwächtern Putins Mordaufträge nicht ausführen konnte.

Russische Rechtshilfeersuchen sind für den Spiegel „Ablenkungsmanöver“

Die vier Rechtshilfeersuchen Russlands an Deutschland werden mit dem Satz weggewischt: „Doch die Bundesregierung wertet die Ersuchen als durchsichtiges Ablenkungsmanöver.“ So einfach geht westlicher Rechtsstaat. Und natürlich übernimmt die gesamte Phalanx der Freunde Russlands, von „Bild“ und „Tagesspiegel“ bis ARD und ZDF diese absurde Räuberpistole und verkauft sie als Beweis. Den wohl größten langfristigen Schaden in dieser Hinsicht wird aber der selbstredend sofort dienstbeflissen aktualisierte Wikipedia-Eintrag „Giftanschlag auf Alexei Nawalny“ anrichten. Bekanntlich gilt die Internet-Enzyklopädie als wichtiges Beleginstrument für Millionen Menschen und auch Journalisten. Und gegen tendenziöse, wahrheitswidrige Artikel bei Wikipedia vorzugehen, bedeutet gegen selbstherrliche Administratoren vorgehen zu müssen, die eisern solche tendenziösen Artikel als „hinreichend belegt“ verteidigen.

Der letzte verzweifelte Versuch, doch noch Nord Stream 2 zu verhindern?

Interessant ist diese neuerliche Märchenstunde im Spiegel vor dem Hintergrund, dass der schon erwähnte Wikipedia-Eintrag zum Fall Nawalny schon im zweiten Satz einen Bezug zur Gaspipeline Nord Stream 2 herstellt. Bekanntlich waren die ersten Forderungen nach Bekanntwerden des Anschlages auf Nawalny die sofortige Beendigung des Pipeline-Projektes. Und wie es der Zufall will, kaum hat ein russisches Schiff damit begonnen, die letzten Kilometer der Gastrasse zu verlegen, platzt der Spiegel mit einer Eilmeldung und einer Geschichte heraus, die in ihrer Peinlichkeit und journalistischen Stümperhaftigkeit sogar noch die Meisterwerke von Claas Relotius in den Schatten stellt, auf die der Spiegel einst so stolz war. Vielleicht sollten das Magazin und seine noblen Partner sich von Relotius beraten lassen, wie überzeugend gelogen wird.
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