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Sexuellen Missbrauch nicht dem Vatikan gemeldet – Kölner Erzbischof bittet Papst um Überprüfung

© AP Photo / Andrew MedichiniKardinal Rainer Maria Woelki
Kardinal Rainer Maria Woelki - SNA, 1920, 12.12.2020
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Kardinal Rainer Woelki, Katholischer Erzbischof von Köln, hat Papst Franziskus um Prüfung der Frage ersucht, ob er gegen das Kirchenrecht verstoßen hat, als er 2015 einen Missbrauchsfall in seinem Erzbistum nicht nach Rom meldete. Woelki zieht damit eine erste Konsequenz aus Vorwürfen, die zuletzt in Forderungen nach seinem Rücktritt gipfelten.
Im Jahr 2010 meldete ein Mann dem Erzbistum Köln, dass er als Knabe im Kindergartenalter Ende der 70er Jahre durch einen mittlerweile verstorbenen Pfarrer sexuell missbraucht worden sei. Als Täter identifiziert wurde ein 1929 geborener Mann. Dem Opfer wurde durch das Erzbistum eine Summe von 15.000 Euro als Entschädigung gezahlt. Nach Überprüfung von Personalunterlagen im Jahr 2015 verfügte Erzbischof Woelki, dass es keine weiteren kircheninternen Überprüfungen und Ermittlungen gegen den sexuell übergriffigen Priester geben und überdies dem Vatikan keine Meldung von dem Vorgang gemacht werden solle.

Gutachten zum sexuellen Missbrauch zurückgehalten

Diese Fakten sind nun im Zusammenhang mit einer Entscheidung bekannt geworden, wonach Kardinal Woelki am 30. Oktober veranlasste, ein bereits veröffentlichungsreifes Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln wegen „gravierender methodischer Mängel“ neuzufassen und im März 2021 zu veröffentlichen. Diese Entscheidung hat heftige Kritik ausgelöst, den in Rede stehenden Fall wieder ins öffentliche Interesse gerückt und den Kölner Erzbischof in erhebliche Erklärungsnöte gebracht. Woelki wurde durch den Münsteraner Kirchenjuristen Thomas Schüller der Rücktritt nahegelegt. Daraufhin ließ Woelki am 10. Dezember zunächst eine persönliche Erklärung veröffentlichen, in der es unter anderem heißt:
„Ebenso werde ich als Erzbischof auch für entstandenes Leid durch Verantwortungsträger im Erzbistum moralische Verantwortung übernehmen, dies jedoch auf unvollständiger Grundlage zu tun, würde der Sache nicht gerecht. Sollte ich im konkreten Fall Fehler gemacht haben, werden diese klar benannt und ich werde danach handeln.“

Tatverdächtiger Pfarrer war laut Woelki nicht mehr vernehmungsfähig

Zum eigentlichen Sachverhalt ließ Woelki unter anderem mitteilen:
„Der beschuldigte Pfarrer war aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht vernehmungsfähig. Ein zweiter Schlaganfall und eine fortgeschrittene Demenz machten eine Konfrontation zur Aufklärung des Falles unmöglich. Laut Aktenlage hatte der Betroffene, der Anzeige erstattete, damals dem Erzbistum gegenüber deutlich gemacht, er sehe sich nicht in der Lage, sich weitergehend zur Sache zu äußern und dass er sich keine Konfrontation von Pfarrer O. wünsche. Andere Möglichkeiten zur Aufklärung waren laut Aktenlage nicht vorhanden. Dies führte dazu, dass die Einleitung einer kanonischen Voruntersuchung und damit auch eine Meldung an die Glaubenskongregation unterblieben ist.“
Ob dieses Vorgehen mit dem Recht der Römisch-Katholischen Amtskirche und mit dem Strafrecht vereinbar ist, darüber gebe es unterschiedliche Ansichten, die im Gutachten dargelegt werden sollen, das – wie erwähnt – im März 2021 der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Woelki gibt den Protesten nach und lässt den Papst den Sachverhalt überprüfen

Der Druck, der auf dem Erzbistum und seinem Oberhirten lastete, muss allerdings so immens gewesen sein, dass Woelki schon einen Tag später eine Aktualisierung der offizielle Erklärung des Erzbistums (https://www.erzbistum-koeln.de/news/Kardinal-Woelki-bittet-den-Papst-um-Pruefung/) verbreiten ließ, in welcher Woelki ankündigt:
„Um die gegen mich erhobenen kirchenrechtlichen Vorwürfe zu klären, bitte ich den Heiligen Vater um eine Prüfung in dieser Frage. Es bleibt dabei: Versäumnisse im Umgang mit sexualisierter Gewalt müssen offengelegt werden, unabhängig davon, gegen wen sie erhoben wurden. Dies bezieht auch mich ein.“
Dieser Schritt schien den Juristen des Erzbistums nun unumgänglich, denn nicht nur in der bistumsöffentlichen Gemeinschaft wurde immer wieder auf das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus aus dem Jahr 2019 „Ihr seid das Licht der Welt“ verwiesen, indem das Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle einführte und die Vertuschung solcher Fälle zur Straftat machte.

Prüfung kirchenrechtlicher Ermittlungen gegen Woelki

Die Wellen, die der Fall inzwischen geschlagen hat, sind so hoch, dass der Bischof von Münster, Felix Genn, ein kirchenrechtliches Ermittlungsverfahren gegen Kardinal Woelki prüfen lässt. Eigentlich steht Woelki in der Kirchenhierarchie über Genn, denn das Bistum Münster ist ein sogenanntes Suffraganbistum des Erzbistums Köln. Aber als dienstältester Bischof der Kirchenprovinz Köln (in dem sowohl das Erzbistums als auch dessen Suffraganbistümer vereint sind), muss Genn diese pikante Aufgabe übernehmen.

Erzbischöfe von Köln haben eine Sonderrolle in der Katholischen Kirche Deutschlands

Denn der Erzbischof von Köln ist einer der einflussreichsten deutschen Kirchenfürsten, weshalb der Erzbischöfliche Stuhl in aller Regel auch mit der Kardinalswürde verbunden ist und Rom bei der Besetzung dieses Postens nichts dem Zufall überlässt. Kölner Erzbischöfe haben jedoch nicht nur in theologischer Sicht eine herausgehobene Stellung innerhalb der Römisch-Katholischen Amtskirche, sondern wegen der ökonomischen Potenz des Erzbistums auch eine besondere Position innerhalb der Weltkirche und damit in den entsprechenden Organen der Römischen Kurie, in diesem Fall symbolisiert durch Sitze in drei Kongregationen sowie Woelkis Mitgliedschaft in der zehnköpfigen Kardinalskommission der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls.
Zusatzinfos
Rainer Maria Woelki
- Geboren 1956 in Köln
- Studium in Bonn und Freiburg
- Priesterweihe 1985
- Weihbischof in Köln 2003
- Erzbischof von Berlin 2011
- Kreierung zum Kardinal 2012
- Erzbischof von Köln 2014
Rainer Kardinal Woelki weiß um diese Sonderstellung. Er nutzt sie immer dann, wenn ihm die Ansichten seiner Brüder im Bischofsamt zu liberal werden. Woelki, der vor seiner Ernennung zum Erzbischof von Köln, die nicht weniger bedeutende Erzdiözese Berlin leitete, gilt als ein besonders konservativer katholischer Theologe. Darin ähnelt er einem seiner Mentoren: Joachim Kardinal Meisner. Unter seiner Ägide und mit dem Segen von Papst Johannes Paul II. wurde er 1990 Kaplan und Geheimsekretär Meisners und 2003 Weihbischof in Köln. Von dort dann durch Papst Benedikt XVI. 2011 auf den Erzbischöflichen Stuhl in Berlin entsandt. 2014 beerbte er Meisner, der in den Ruhestand ging, als Erzbischof von Köln.
Zusatzinfos
Erzbistum Köln
Gründung: 4. Jahrhundert n.Chr.
Fläche: ca. 6.100 km²
Pfarreien: ca. 520
Kirchenmitglieder: ca. 1,9 Mio. (bei ca. 5,4 Mio. Einwohnern à Anteil 35%)
Finanzen (laut Wirtschaftsplan 2020):
a) Kirchensteuereinnahmen Brutto ca. 950 Mio. Euro
b) Ausgaben ca. 913 Mio. Euro
c) Einnahmen aus Vermögen ca. 29,8 Mio. Euro
d) Vermögen (2019) ca. 3,5 Mrd. Euro
Woelki promovierte im Jahr 2000 an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom. Da diese Hochschule vom Opus Dei geleitet wird, hat Woelki seither den Nimbus eines Sachwalters dieser als besonders konservativ geltenden Institution der Katholischen Kirche, die von Papst Johannes Paul II. zu einer sogenannten Personalprälatur erhoben wurde, die erste und bislang einzige innerhalb der Katholischen Weltkirche.
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