Covid-19: Forscher folgen Virusspuren bis ins Hirn

Corona-Test - SNA, 1920, 10.12.2020
Dass das Coronavirus ins Gehirn eindringt, war vom Ausbruch der Pandemie an klar. Aber auf welchem Wege dies geschieht und welchen Schaden der Erreger dabei anrichtet, war ein Rätsel. Wissenschaftler haben die Spuren des Virus bis ins Gehirn nachverfolgt.
Mehr als 36 Prozent der 214 im chinesischen Wuhan untersuchten Corona-Patienten krankten an Gehirnnetzentzündungen, Enzephalopathie und Entzündungen des peripheren Nervensystems. Unter den Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf litten noch mehr Menschen darunter: 45,5 Prozent. Ein Drittel klagte über Geruchs- und Geschmacksverlust, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schwindel und Übelkeit. Ein typisches Symptom: Bewusstseinsstörungen. Dies alles sind Anzeichen dafür, dass das Coronavirus ins Gehirn eindringt.
„Ich stelle fest, dass meine kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Mich zu konzentrieren fällt mir schwer. Ich vergesse Vieles, auch besonders Wichtiges. Immer wieder überkommt mich ein Gefühl, als wäre ich benebelt“, klagte auch ein Herzchirurg aus einer Moskauer Herzklinik, als er vor einem Monat an Corona erkrankte. Seine olfaktorische Wahrnehmung, der Geruchssinn, ist nur teilweise wiederhergestellt. Andere Covid-19-Patienten berichteten in Kommentaren zu dem Facebook-Eintrag des Chirurgen von ähnlichen Symptomen.
Berichte von neurologischen und kognitiven Beeinträchtigungen der Corona-Kranken häuften sich seit dem Ausbruch der Pandemie. Dass das Virus ins Gehirn eindringt, war also von Anfang an klar. Aber auf welchem Wege dies geschieht und welchen Schaden der Erreger dabei anrichtet, war ein Rätsel.
Ins Gehirn gelange das SARS-CoV-2 über die für die Wahrnehmung von Gerüchen zuständige Hirnregion: den Riechkolben, argumentierte Guiseppe De Santis von der Giovanni-Panico-Klinik im italienischen Tricase. Das Virus dringe bis zum Hirnstamm vor und töte Nervenzellen ab, schrieb der Mediziner in seinem Fachartikel auf „ScienceDirect“ im April. Nach vorliegenden Erkenntnissen könne der Erreger das zentrale Nervensystem befallen, was eine Immunitätsreaktion auslöse. Dabei könne es zu Hirnschäden kommen. Deshalb sollten Ärzte mit Patienten, die über Geruchsverlust klagen, sich darauf einstellen, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nehme.

Virus befällt Nervenzellen

Dass das Coronavirus Nervenzellen angreifen kann, hatte ein großes Forschungsteam aus China da bereits durch Versuche an Zellkulturen dargelegt. In den darauffolgenden Versuchen zeigten die chinesischen Wissenschaftler, dass das Virus die Nervenzellen im Riechkolben von Hamstern befällt. Doch wie sollte diese Erkenntnis an lebendigen Nervenzellen von Menschen überprüft werden?
Die Forscher nahmen Gewebeproben eines Erwachsenen, verjüngten die Zellen durch chemische Einwirkung und erzeugten darauf ganze Organoiden, die als Hirnmodell geeignet sind. Danach wurden die Organoiden teils mit SARS-Cov-2 und teils, zur Kontrolle, mit SARS-Cov infiziert – dem Erreger einer atypischen Pneumonie, die sich in den Jahren 2002 und 2003 in Südostasien epidemisch ausbreitete.
Dieser Versuch zeigte, dass das neue Coronavirus die Organoiden nicht nur befällt und sich darauf reproduziert, sondern unmittelbar in die Zellen der Hirnrinde eindringt, was den Geruchs- und Geschmacksverlust ebenso erklärt wie die anderen neurologischen Symptome bei den Covid-19-Patienten. Mehr noch: Der Erreger greift Stammzellen im Gehirn an; ist er also im Riechkolben angelangt, befällt er die dortigen Nervenstammzellen. Seinen Geruchssinn erlangt der Mensch danach nur langsam und unvollständig wieder.

Virus hinterlässt Erbgut im Gehirn

Dies alles sind lediglich indirekte Hinweise auf das Eindringen des Coronavirus ins Gehirn. Die Forscher wollten jedoch einen unmittelbaren Nachweis dafür finden. Ärzte der Charité-Klinik führten dazu eine Studie durch: Sie entnahmen 33 Patienten im Alter von 30 bis 98 Jahren, die mit dem Covid-19-Virus verstorben waren, Gewebeproben aus einigen Hirnregionen und der Riechschleimhaut. Bei einigen der Patienten waren Bewusstseinsstörungen, Hirnblutungen, starke Kopfschmerzen, Verhaltensänderungen und Durchblutungsstörungen diagnostiziert worden.
Teilnehmerin der Veranstaltung Rent-a-Santa im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof - SNA, 1920, 09.12.2020
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Die größten Mengen des Erregererbguts und des Spike-Proteins (damit heftet sich das Virus an der Zellwand fest) wurden in der Riechschleimhaut gefunden. Deshalb gehe man davon aus, „dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann“, erklärt Prof. Dr. Frank Heppner vom Institut für Neuropathologie der Charité. „Von der Riechschleimhaut aus nutzt das Virus offenbar neuroanatomische Verbindungen wie beispielsweise den Riechnerv, um das Gehirn zu erreichen.“
Gleichzeitig betonen die Wissenschaftler, „dass die von uns untersuchten COVID-19-Betroffenen per Definition – sie gehören zu der kleinen Gruppe von Patientinnen und Patienten, die letztlich daran versterben – einen schweren Verlauf gezeigt hatten.“ Daher könnten die Ergebnisse dieser Studie „nicht zwangsläufig auf leichte oder mittelschwere Fälle“ übertragen werden.
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