Frauenquote vs. Kompetenz in Russland und Deutschland: eine DRF-Debatte

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Frauenquote vs. Kompetenz in Russland und Deutschland: eine DRF-Debatte - SNA, 1920, 07.12.2020
Während Olaf Scholz verspricht, ein von ihm als Bundeskanzler geführtes Kabinett mindestens zur Hälfte mit Frauen zu besetzen, diskutierten deutsche und russische Teilnehmerinnen der „Moskauer Gespräche“ des Deutsch-Russischen Forums das Thema Frauenquote in Politik und Wirtschaft.
Abgesehen davon, dass Frauen vielerorts in die Regierungsverantwortung gewählt werden und erfolgreich Unternehmen leiten, stoßen sie in Deutschland und Russland noch in vielen Firmen, Organisationen und Institutionen, wie es hieß, an eine „gläserne Decke“. Entscheidende Karriereschritte und gleiche Vergütung für gleiche Leistung werden ihnen nicht selten erschwert. Während der Veranstaltung tauchte die Frage auf: ob es ihnen gelingt, in den obersten Etagen doch mitzumischen, obwohl (oder weil) sie Frauen sind und warum es offenbar immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.
Dr. Marina Schischkina, Abgeordnete des Stadtparlaments Petersburg, Ex-Dekanin der Fakultät für Journalistik in der Petersburger Universität wies darauf hin, dass für Russland eine starke Mannigfaltigkeit und Pluralität in der Bestimmung der gesellschaftlichen Rolle der Frauen typisch sei. „Es herrscht eine große religiöse und geistige Vielfalt: Man braucht nur etwa den Kaukasus, die Wolga-Region, Petersburg und den Fernen Osten miteinander zu vergleichen. Noch zu Sowjetzeiten ist das Verhältnis von Männern und Frauen. von Arbeitern, Kolchosbauern und Intellektuellen in den Machtorganen festgelegt worden. Das gehörte zum sowjetischen Lebensstandard.“

Rollenverteilung unter den Geschlechtern in Russland

In dieser Hinsicht sei eine gewisse Tradition der Rollenverteilung unter den Geschlechtern entstanden, so die Wissenschaftlerin. „Einige Berufe, die in den USA oder Deutschland herkömmlich als männlich wahrgenommen werden, etwa Richter, Ärzte oder Lehrer, waren in der UdSSR den Frauen vorbehalten. Im Westen wunderte man sich, wenn man erfuhr, dass bei uns praktisch alle Richter weiblich waren. Dies beeinflusst heute noch die Vorstellung von der Geschlechtergleichheit in Russland.“ Dabei tritt Frau Schischkina selbst gegen Frauenquoten auf. Sie plädiert dafür, dass alle ausgehend von ihrer beruflichen Kompetenz bewertet werden.

Ist die Frauenquote ein wichtiges Instrument?

Dr. Daniela De Ridder, stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag hält die Frauenquote für ein wichtiges Instrument, für das man kämpft. „Das ist jedoch ein Übergangsinstrument, weil wir selbstverständlich wissen wollen, dass Geschlecht da überhaupt keine Rolle spielen darf, wenn es um Kompetenzen geht. Wir brauchen zur Förderung von Frauen oder für ein angenehmeres kulturelles Umfeld mindestens ein Drittel Frauen, damit sich auch vom Selbstverständnis her was verändert. Und bevor wir dieses erreicht haben, dürfen wir auf die Quote nicht verzichten.“
Sie bedauert, dass mit dem Einzug populistischer Gruppen in den Bundestag der Anteil der Frauen zurückgegangen ist. „Umso mehr haben wir hier unsere Hausaufgaben zu machen.“ Regina von Flemming, Media-Topmanagerin, Außerordentliche Direktorin und Aufsichtsratsmitglied des Moskauer Telekommunikationsgiganten MTS, hat zu Anfang eine Quote abgelehnt, weil es auch für sie um professionelle Ausbildung und Leistung geht „und natürlich auch Disziplin und Glück, was zur Karriere dazugehört.“
Seit 25 Jahren lebt sie in Russland und hat nach ihren Erfahrungen in den letzten zehn bis 15 Jahren ihre Meinung geändert. „Ich halte eine temporäre Quotierung in Wirtschaftsunternehmen, aber auch in Parteien nach dem französischen Vorbild für temporär richtig und sachdienlich, um einen Anschub zu kreieren.“

Machen Frauen die Politik menschlicher?

Schischkina bedauert, dass es in der russischen Politik wenig Frauen gibt, doch nicht etwa wegen der Übermacht der Männer. „Würden die Parteien anhand einer Idee statt durch einen Befehl von oben gebildet, gäbe es mehr Frauen in der Politik, da sie dazu fähig sind, Ideen zu gebären und sich zusammenzutun. Die Politik ist aber so beschaffen, dass sie einen der Feindseligkeit und einer nicht objektiven Kritik aussetzt, was nicht jeder ertragen kann. Hier ist die Stressbeständigkeit wichtig. Zwar kommen bei uns Frauen häufig ins Parlament, bald als Sportlerinnen, bald als Künstlerinnen, nur eben nicht aufgrund ihrer beruflichen Kompetenz.“
Die Parlamentarierin sagt weiter: „Quoten hin, Quoten her, aber wir müssen auch etwas unternehmen, damit mehr Frauen ins russische Parlament kommen. Es hat ja nicht nur Fragen rund um die Kindergärten zu lösen. Darüber hinaus bestehen Probleme rund um Krieg und Frieden. Eine Frau würde Krieg nur als das allerletzte Mittel akzeptieren. Wenn es in Parlamenten mehr Frauen gäbe, würden wir auf der Erde ruhiger leben.“
Dennoch betont Schischkina, dass es inzwischen in Russland viele Frauen gebe, „die unsere Erwartungen übertroffen haben. Und gerade diese werden in die Politik einziehen. Denn Frauen machen die Politik menschlicher. Sie bringen das Humane ihres Wesens in alle Bereiche, wo sie tätig sind, mit ein. Darunter auch in die Politik.“

Generation 30+ in Deutschland und Russland

Die neue Generation von russischen Frauen, 30+, begeistert auch Regina von Flemming. „Sie machen mir so große Freude, und ich unterstütze sie aus vollem Herzen, weil sie sich mit Quantensprüngen entwickeln, mit einer Motivation, einer Leidenschaft und einem Social impact Gedanken bewegen, dass ich nur sage, die Generation 30+ in Deutschland beschämt mich an jungen Frauen. Sie sitzen bequem in ihrer Komfortzone nach dem Motto ,Die Welt schuldet mir etwas‘.“ Als Jahrgang 65 sei sie zutiefst enttäuscht, „dass das, wofür wir gekämpft haben, nämlich die Selbstverständlichkeit einer Ausbildung, junge Frauen in Deutschland teilweise schon wieder in die Tonne treten, und ich frage mich, was haben wir falsch gemacht?“

Hohe Selbstverständlichkeit russischer Frauen

Bei ihrer historischen Analyse geht von Flemming auf die große Selbstverständlichkeit von russischen Frauen aus der Sowjetzeit ein, „sicherlich kriegsbedingt, dass diese Frauen in einer unheimlichen Disziplin ganze Familien und Generationen, weil die Männer im Krieg geblieben sind, hochgezogen haben. Das ist divergent zum deutschen System.“
„Die Selbstverständlichkeit in Russland, nach Schwangerschaft und Kindern sehr rasch wieder in den Berufseintritt zu gehen, hat eine Normalität, die unfassbar beglückend ist. Frauen aus dem Schwangerschaftsurlaub sind für mich,“ so von Flemming, „die besten und loyalsten Mitarbeiterinnen. In Paris wird eine Frau beschimpft, wenn sie nach zwei Monaten nicht an den Arbeitsplatz zurückkehrt. In Deutschland wird eine Frau, wenn sie nach drei Jahren mühselig einen Krippenplatz bekommen hat und dann wieder ins Berufsleben zurückkehrt, als Rabenmutter abgetan.“
In Russland habe es, unterstreicht von Flemming, eine gesunde Normalität: Beruf, Kinder und das weibliche Element absolut auszuleben, ohne dass es an den Pranger gestellt werde. Für sie sei es auch ein ökonomischer Faktor. „Wenn wir schauen, wo die Frauen hauptsächlich hier erfolgreich sind, haben wir dann einen großen Bereich im Finanzsektor. Wahrscheinlich sind russische Männer davon überzeugt, dass Frauen an der Kasse nicht klauen. Es wäre auch die Wall-Street-Lehman-Krise nicht passiert, wären Frauen dort am Ruder gewesen!“
Die Top-Managerin kommt zu dem Schluss, die Obacht und die Sorgfalt mit Geld und mit finanziellen Ressourcen werde in Russland mehrheitlich immer noch Frauen anvertraut. Sie wünscht sich natürlich auch mehr Frauen in der russischen Politik, denkt aber, dass die Unterschiedlichkeit zu Deutschland in Russland eine Normalität sei, in der Vereinigung von Weiblichkeit, Schönheit, Intellekt und gleichzeitig Mutter, sehr oft auch alleinerziehende Mutter.

Mit 55 in Pension? Zu früh…

Nur Frauen 50+ in den russischen Regionen betrüben von Flemming. „Das ist eine traurige Wahrheit in Russland, je weiter von den großen oder intellektuellen Zentren entfernt, ist das frühere Pensionsalter mit 55 die psychologische Barriere. Das ist auch ökonomisch schwierig, weil dann auch dort viele Frauen aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden werden. Das ist ein Thema, das sich leider erst langsam ändert, also die jungen Großmütter, die hochaktiv sind.“ Sie sei zutiefst erstaunt, wenn sie sehe, wie eine Frau mit 55 Jahren zur Bank gehe und sage, sie wolle einen Kredit, da höre sie: „Aber Sie sind ja schon in Pension.“ „Das sollte politisch auch weiter bearbeitet werden, weil Frauen hier in der regionalen Distribution komplett abgehängt sind.“
Ein anderes Bild, etwa der Geschäftswelt, schildert Marina Karban, Exekutivdirektorin der Kundenprogramme in der Business School Skolkovo, Moskau: „Weibliche Topmanager sind in Russland nicht zahlreich. Frauen bewerben sich selten um eine höhere Position. Sobald eine starke Frau die Führung eines Unternehmens übernimmt, mit seiner Umstrukturierung beginnt und dabei eine männliche Vorgehensweise an den Tag legt, sorgt dies für massive Bedenken.“
Was sie aber am angenehmsten überrascht, sind es nicht nur 20-jährige Damen, sondern auch ihre männlichen Altersgenossen. Über diese müsse sie mehr als über 30-Jährige staunen. „Sie schließen sich in Arbeitsgruppen ausgehend von den Kompetenzen zusammen, die sie für das angestrebte Ergebnis brauchen, und achten dabei gar nicht darauf, ob ein Mann oder eine Frau die Gruppe leiten wird. Sie haben nur den gemeinsamen Erfolg im Auge. Darin liegt der Unterschied zwischen den Generationen.“
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