Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Wettlauf der Corona-Impfstoffe: Zu schnell und zu gefährlich?

© REUTERS / BioNTech SE 2020, all rights reserved / HandoutWettlauf der Corona-Impfstoffe: Zu schnell und zu gefährlich?
Wettlauf der Corona-Impfstoffe: Zu schnell und zu gefährlich? - SNA, 1920, 03.12.2020
Abonnieren
Bald beginnt das große Impfen gegen Corona. Viele Menschen sind skeptisch oder haben Angst. Welche Impfstoffe werden zuerst gegen das Coronavirus eingesetzt? Welche Risiken und Nebenwirkungen könnten auftreten? Muss man sich impfen lassen?
Noch nie in der Menschheitsgeschichte wurden Impfstoffe so schnell entwickelt und zugelassen. Während dies normalerweise im Schnitt zehn Jahre dauert, wurde der Corona-Impfstoff der Firma Biontech, der als erster in Europa gerade in Großbritannien (not)zugelassen wurde, in weniger als einem Jahr entwickelt. Die beteiligten Behörden und Prüfinstanzen betonen, dass dieser beschleunigte Prozess nicht auf Kosten der Qualitätsprüfung gehe. Vielmehr sei das Tempo darauf zurückzuführen, dass im Feldzug gegen das neuartige Coronavirus ganz andere Finanzmittel zur Verfügung ständen und auch die Behörden so unbürokratisch wie möglich arbeiten, da die Impfstoffzulassung hier gewissermaßen im „Staatsinteresse“ liege.

Impfbereitschaft noch nicht hoch genug

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet damit, dass in Deutschland Ende des Jahres mit dem Impfen gegen Corona begonnen werden kann. Allerdings ist bisher nur rund die Hälfte der Menschen bereit, sich mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Es handelt sich also bei den Impfskeptikern nicht um eine obskure Minderheit von „Coronaleugnern“. Jedoch müssten laut Aussage von Spahn mindestens 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Es dürfte also in den nächsten Wochen zu massiven Impfkampagnen kommen.

Welche Impfstoffe gibt es?

Das Grundprinzip aller Impfstoffe ist es, dem Körper die Ankunft eines Erregers zu signalisieren und den Körper anzuregen, Antikörper und Abwehrkräfte gegen diesen zu produzieren.
Die führenden Forscher des Corona-Impfstoffes setzen auf vier verschiedene Entwicklungswege: Totimpfstoffe, Lebendimpfstoffe, Vektorimpfstoffe und RNA-Impfstoffe.
Bei Lebendimpfstoffen wird eine kleine Dosis des Erregers geimpft, um eine Abwehrreaktion des Körpers zu erzielen. Bekannte Lebendimpfstoffe kommen zum Beispiel gegen Masern, Mumps oder Röteln zum Einsatz. Beim Sars-Cov-2 ist bisher noch kein Lebendimpfstoff über die vorklinische Phase hinausgekommen.
Totimpfstoffe (inaktivierte Impfstoffe) enthalten abgetötete Viren zusammen mit Wirkverstärkern. Totimpfstoffe kommen beispielsweise gegen Meningokokken, Hepatitis und Keuchhusten zum Einsatz. Gegen Sars-Cov-2 scheinen erste Impfstoffe vielversprechende Ergebnisse zu liefern. So testet das US-Unternehmen Novavax einen Totimpfstoff gegen Sars-Cov-2 bereits in einer Phase-III-Studie. Drei der vier chinesischen Impfstoff-Kandidaten, die sich in Testphase III befinden, basieren auf inaktivierten Impfstoffen. Einer davon, der Impfstoff Coronavac der Firma Sinovac soll bereits ab dem 11. Dezember in der Türkei verimpft werden.
Bei Vektorimpfstoffen werden Erbgutstücke des Erregers geimpft. Diese Methode ist noch ziemlich neu, aber wird bereits bei Pocken oder Ebola angewandt. Der russische Corona-Impfstoff Sputnik V und der Impfstoff der Universität Oxford und des britischen Pharmakonzerns AstraZeneca verwenden solche Vektorimpfstoffe, die mit Hilfe von Adenoviren genetisches Material des Virus Sars-Cov-2 in den Körper einschleusen und die gewünschte Immunreaktion auslösen.“. Adenoviren wurden bisher nur in der Gentherapie verwendet.
Ganz neu sind RNA-Impfstoffe. Sie enthalten eine Art Spiegelbild des Erregers, die sogenannte Messenger-RNA (kurz mRNA). Durch die Einführung dieses Moleküls sollen die Körperzellen ein Virusprotein produzieren, welches dann das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern gegen das neuartige Sars-Cov-2 anregt. Dies geschieht über das Andocken des mRNA-Moleküls an das sogenannte Spike-Protein, über das das Virus in die Zellen eindringt.

mRNA - vielversprechend, aber unerforscht

Die mRNA-Methode scheint zurzeit die vielversprechendste Spur zu sein. Sie wird gleich von drei der führenden Corona-Impfstoffentwickler - Biontech, Moderna und CureVac – angewandt. Ein nukleinsäurebasierter mRNA-Impfstoff wurde allerdings in der Vergangenheit gegen andere Erreger noch nie zugelassen und über einen längeren Zeitraum angewandt.
Der bekannte Virologe Alexander Kekulé vom Universitätsklinikum Halle (Saale) sagte gegenüber „t-online“:
„Das sind experimentelle Impfstoffe – man kann es nicht oft genug sagen. Diese RNA-Impfstoffe hat es noch nie zuvor gegeben. Es wurde nie bewiesen, dass sie überhaupt funktionieren.“
Wenn sich die mRNA-Technik beim Corona-Impfstoff bewährt, könnte diese Methode auch bei der Bekämpfung anderer Krankheiten bis hin zu Krebs zum Einsatz kommen. Dass sie erstmalig wohl gleich bei der größten Massenimpfung der Menschheitsgeschichte zum Einsatz kommt, könnte Fluch und Segen zugleich sein. Sollte das Experiment gelingen, sind CureVac & Co Nobelpreis-Kandidaten. Geht es schief, könnte es richtig böse enden.

Das große Impfen geht los

Weltweit sind etwa 25 Pharmaunternehmen dabei, in rund 200 Projekten Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln. Laut WHO werden 23 potenzielle Impfstoffe bereits an Freiwilligen getestet, fünf davon inzwischen in groß angelegten Studien mit Tausenden Probanden.
Von den Impfstoff-Kandidaten gegen Sars-Cov-2, die sich bereits in der Phase III der klinischen Prüfung befinden, sind 60 Prozent genetische Vakzine, konkret mRNA- und Vektorimpfstoffe. Die Impfkandidaten von AstraZenica und BionTech werden bereits von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) im Rahmen eines „rolling review“-Verfahrens geprüft. Der Impfstoff von BionTech/Pfizer hat in Großbritannien bereits eine Notfallzulassung bekommen und kann dort theoretisch ab kommender Woche verimpft werden. Auch Russland will nächste Woche Massenimpfungen mit seinem bereits im August zugelassenen Vektorimpfstoff Sputnik V beginnen.

Bedenken von Experten

Bedenken gegenüber diesen beschleunigten Prüfverfahren kommen nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch aus Fachkreisen. Bereits im September kritisierten 140 Wissenschaftsakademien in einer gemeinsamen Erklärung die extrem beschleunigten Zulassungsverfahren der Corona-Impfstoffe, die zu Lasten der Patientensicherheit gehen würden.
Aktuell heißt es in der Fachzeitschrift „Arzneimittelbrief“:
„Unter dem Zeitdruck der Pandemie wurden die laufenden klinischen Phasen I und II zur Prüfung der Sicherheit durch Zusammenschieben und Zusammenlegen deutlich verkürzt (‚Teleskopierung‘). Durch die Verkürzung üblicher Beobachtungszeiträume erhöht sich das Risiko, dass Nebenwirkungen während der klinischen Prüfung unerkannt bleiben. Somit tangieren die beschleunigten Testphasen auch die gesundheitspolitische Verantwortung bei der staatlichen Vorsorge. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass derzeit fast alle Impfstoffe an jüngeren Erwachsenen und nicht an älteren Menschen mit deutlich höherem Risiko für schwere Verläufe getestet werden. Auch wird ein sehr wichtiger Wirksamkeitsendpunkt der Impfstoffe, die ‚sterile Immunität‘, in den laufenden Studien kaum berücksichtigt. Würde durch eine Impfung eine anhaltende sterile Immunität erreicht – die ideale Wirkung einer Impfung – könnten Infektionsketten unterbrochen werden. Die bisher publizierten Ergebnisse der laufenden Impfstudien lassen das aber kaum erwarten.“

Nebenwirkungen

Die Pharmaunternehmen berichten bisher größtenteils nur von leichten typischen Impf-Nebenwirkungen ihrer Impfstoff-Kandidaten, wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen oder leichtem Fieber. Allerdings sind dies bisher ausschließlich Angaben der Impfstoffentwickler, die noch nicht von unabhängigen Experten geprüft wurden.
Die Corona-Impfstoffstudie von AstraZeneca und der Universität Oxford musste im September für eine Woche unterbrochen werden, da eine Probandin Symptome einer Entzündung des Rückenmarks zeigte. Ein unabhängiges Expertengremium konnte allerdings keinen Zusammenhang mit der Verabreichung des Impfstoffes nachweisen, sodass die Phase III der Impfstoffstudie fortgesetzt wurde.
Die neuartigen mRNA-Impfstoffe von Biontech, Moderna oder CureVac könnten bei der Verträglichkeit im Vorteil sein, da kein infektiöses Virusmaterial verabreicht wird und das Immunsystem unter Umständen weniger stark reagiert. Inwieweit dies allerdings auch die Abwehrwirkung gegen das Virus mindern könnte, muss sich noch zeigen.
Wenn Impfstoffe von Ärzten verabreicht werden, haben diese eine Meldepflicht, falls es bei Patienten zu unerwünschte Nebenwirkungen nach einer Impfung kommt. Auch die Impfstoffhersteller sind verpflichtet, Nebenwirkungen bei den Probanden ihrer Studien zu melden. Über Langzeitwirkungen und mögliche Spätfolgen der Impfstoffe ist noch nichts bekannt.

Bisher keine Impfstoffe gegen andere Coronaviren

Die Hauptsorge, die von Medizinern und Experten weltweit geäußert wird, ist die Gefahr einer „überschießenden Immunreaktionen“ des Körpers auf die neuen Impfstoffe. Dies könnte passieren, wenn der Körper nach der Impfung in die Nähe echter, also nicht künstlich durch die Impfung erzeugter Erreger kommt. So kam es bei Versuchen mit Impfstoffen gegen andere Coronaviren wie Mers oder Sars zu solch überschießenden Immunreaktionen bei Katzen, die letzten Endes zum Zusammenbruch des Immunsystems und damit zum Tod führten. Ähnliche Reaktionen wurden bei Frettchen im Tierversuch beobachtet. Die Entwicklung von Sars-Impfstoffen wurde daraufhin 2012 eingestellt, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass das Immunsystem geschädigt und der Mensch somit durch den Impfstoff nicht nur nicht geschützt, sondern sogar anfälliger für die Krankheit wird.

„Millionenfach vorsätzliche Körperverletzung“

Einer der renommiertesten Kritiker der schnellen Impfstoffentwicklung ist der Immunologe und Toxikologe Prof. Stefan Hockertz. Er war Direktor und Professor des Institutes für Experimentelle und Klinische Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf und gilt als einer der führenden Berater von Unternehmen in der Impfstoffentwicklung.
Im Interview mit Radio München warnt Hockertz vor „millionenfach vorsätzlicher Körperverletzung“. Der Toxikologe kritisiert die extrem kurze Entwicklungszeit der Impfstoffe.
„Wenn wir davon ausgehen, dass auch nur 5 Prozent, und das ist eine relativ geringe Zahl der Menschen, die geimpft werden, Impfschäden zeigen, dann sind das bei 80 Millionen Menschen vier Millionen Menschen, die Impfschäden zeigen. Wenn ich diesen Impfschaden zu vertreten habe dadurch, dass ich die ersten Untersuchungen viel zu kurz gemacht habe, dann sind das vier Millionen Menschen, die vorsätzlich körperverletzt wurden“, so Hockertz.

Wovor schützt der Impfstoff?

Eine Frage, die bis jetzt nicht geklärt ist: Schützen die Impfstoffe nur vor einem schweren Krankheitsverlauf oder auch vor Ansteckung mit dem Coronavirus? Alle bisher gemeldeten Erfolgszahlen von einem Schutz durch die Impfstoffe der führenden Entwickler von meist über 90 Prozent bezogen sich ausschließlich auf den Schutz vor einem schweren Verlauf der Krankheit und nicht auf einen Schutz vor Ansteckung. Auch ist nicht geklärt, ob man nach der Impfung trotzdem andere Menschen anstecken kann. Dazu hat bisher noch keiner der Entwickler, deren Impfstoffe kurz vor der Zulassung stehen, Angaben gemacht.

Persönliche Entscheidungsfreiheit

Das Tempo der Entwicklung der Corona-Impfstoffe und das damit verbundene Überspringen des üblichen Verfahrens bei Impfstoff-Zulassungen dürften bei generellen Impfskeptikern und Impfgegnern nicht gerade für eine Umstimmung sorgen. Der zunehmende gesellschaftliche Druck bis hin zu möglichen Verboten der Teilhabe an immer mehr Lebensbereichen, wie es sich bereits am Horizont abzeichnet, dürfte die Spaltung der Gesellschaft, in diesem Fall in Geimpfte und Impfgegner, weiter vorantreiben.
Ein Ansatz zur Überwindung der Gräben könnte möglicherweise in ausführlichen Debatten liegen, in denen alle Argumente - dafür und dagegen - angebracht werden können. Außerdem müssten die Impfstoffentwickler komplett ihre Bücher öffnen und umfassend transparent arbeiten. Regierung, Arbeitgeber und Dienstleistungsanbieter sollten jeglichen Impfdruck vermeiden. Die Erfahrung zeigt, dass die besten Resultate gewöhnlich über Freiwilligkeit erzielt werden.
Die Hauptfrage, die sich jeder persönlich stellen muss, der über eine Corona-Impfung nachdenkt, ist, ob es gefährlicher erscheint, schwer an Covid-19 zu erkranken oder das Risiko eines neuen Impfstoffes einzugehen.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала